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Bibliographien:

Warnstufe gelb für das VlB

Das Verzeichnis Lieferbarer Bücher ist nach amazon.de die umfangreichste, (über die Seite buchhandel.de) frei zugängliche Bibliographie Deutschlands. Das VlB ist endlich im 21. Jahrhundert angekommen – was das Marketing betrifft. Softwaretechnisch dagegen läuft es Gefahr, in einer Sackgasse zu enden. Werden die Großhandels-Kataloge die „lachenden Dritten“ sein?

 

Thomas Holste entwickelt seit Ende der achtziger Jahre Software für den Buchhandel. Er ist Entwickler des „Informationsverbund Buchhandel“. Seit 1996 ist er unabhängiger Software-Entwickler und hat unter anderem für die Buchhändler-Vereinigung, das Barsortiment Könemann oder die Firma Engel.Sys gearbeitet. Sein Schwerpunkt ist die Entwicklung des Schweizer Warenwirtschafts-Systems „Galileo“, das er in den letzten Jahren komplett erneuert in die zweite Generation überführt hat. Er betreibt seit über zehn Jahren das O-Konv-Projekt, einen freien Onix-Konverter. Thomas Holste ist ausgebildeter Buchhändler und Historiker. Wenn er keine Software entwickelt, widmet er sich seinem Kleinst-Verlag, der edition postKatzen.

 

Zum ersten Mal begegnete mir das VlB 1980 während meiner Ausbildung in der Buchhandlung Blazek & Bergmann. Immer dann, wenn die ohnehin schon riesigen Barsortimentskataloge nicht mehr weiterhalfen, wurde das VlB hervorgezogen, noch größer und umfangreicher. Und nur für besonders gute Kunden wuchteten wir das Schlagwort-Verzeichnis auf den Kopierer, eine VlB-Seite immer auf zwei A4-Seiten verteilend, denn das VlB hatte eindeutig Überformat.

Während meines Verlag-Praktikums lernte ich die Bedeutung des VlB für die Titel-Recherche kennen. Der Verlag verfügte zwar nicht über ein VlB, aber zur Prüfung, ob ein Titel bereits vorhanden war, fuhr ich in „meine“ Buchhandlung und schaute ins VlB.

Bye-bye Print-Bibliographie, hello CD-ROM!

Als ich 1989 begann, den Informationsverbund Buchhandel aufzubauen, war das VlB bereits im zweiten Jahr auf CD-ROM erschienen. Ein CD-ROM-Player war in etwa so groß wie ein Video-Recorder, aber wesentlich teurer. Zu Beginn der neunziger Jahre tourten Wilfried „Freddie“ Schinzel, der Vater des VlB und der CD-ROM, und ich durch unzählige Veranstaltungen und stellten dem Buchhandel die neue Technik vor. Mit dem VlB und der IBU-Software fanden viele Buchhändler den Einstieg in die Welt der EDV. 

Die Integration des VlB in andere buchhändlerische Software war zunächst umständlich und kompliziert, doch hatte eine lange Beziehung begonnen. Sie sollte in den folgenden Jahren noch viel „Beziehungsarbeit“ kosten.

Das erste VlB-API

Mit Erscheinen der ersten API-DLL wurde die Einbindung des VlB in vorhandene Anwendungen recht komfortabel. Vieles, was vorher nur umständlich zu realisieren war, ging nun recht einfach von der Hand. Mit dem Erscheinen von BibWin war unser Gespann komplett: eine Bibliographie, die wir fast beliebig erweitern konnten, sowie die API-DLL für alle anderen Aufgaben. Und wir machten ausgiebig Gebrauch davon. 

Wer nun jedoch denkt, dass dies alles problemlos vonstatten ging, hat vergessen, dass es genügend Probleme gab. Zum Beispiel die immer wiederkehrende Frage nach der Qualität der Daten oder der Einbindung des VlB in eigene Programme, die auch schon mal an Grenzen stieß. Oft endlos lang und unergiebig waren die Diskussionen, die wir führten, und damit auch die Zeit, die wir zur Lösung anstehender Probleme benötigten.  

Hier ist das VlB drin.

Letztendlich entstand eine breite, bunte und sehr heterogene Software-Welt, die das VlB und seine Daten in vielfältiger Weise nutzt. Sei es in Form von  Bibliographien, von denen es heutzutage einige gibt (hier seien stellvertretend Bookhit oder Heureka genannt), sei es durch Einbindung in Warenwirtschaftssysteme, die die VlB-Daten zum Abgleich oder zur Ergänzung eigener Datenbestände einsetzen.

Neue VlB-Welten

Und nun das neue VlB. Sah es zunächst nach einem sanften Übergang aus, der auf den ersten Blick recht einfach zu verwirklichen schien, stellt sich nun heraus, dass dies frommes Wunschdenken war. Die neue DLL (die Software für den direkten Zugriff auf die VlB-Daten der DVD) erlaubt zwar den direkten Ersatz, doch stellt sie sich als ausgesprochen langsam und damit für bestimmte Aufgaben nicht mehr einsetzbar heraus. Der Abgleich größerer Datenbestände – früher mit alter DLL eine „flotte“ Angelegenheit –, aber auch der einzelne Zugriff, beispielsweise bei der Datenaufnahme zur Titelergänzung, gerät so zum wenig befriedigenden Geduldsspiel.

Auch hinter diesem Interface liegt das „neue“ VlB.

Zwar haben wir den ein oder anderen Trick, bzw. eine andere Herangehensweise gefunden, um die ärgsten Geschwindigkeitsprobleme zu lösen, doch wirklich glücklich sind viele Kollegen und ich nicht mit dieser Lösung. Denn es stellt sich die spannende Frage nach dem notwendigen Aufwand für diese Anpassungen. Software-Entwickler müssen mit diesem Anpassungs-Aufwand rechnen, den die Kunden im Zweifelsfall nicht bezahlen möchten. Denn diese fragen sich, warum sie dafür bezahlen sollen, damit „etwas“ genau so funktioniert, wie es vorher schon der Fall war.

Online hängt offline ab 

Es scheint, als wäre bei der Neukonzeption des VlB die Gruppe der Anwender, die mit DVD oder (normalerweise) auf Festplatte kopierter Datenbank arbeiten, nicht ausreichend berücksichtigt worden. Und dies sind, nach Aussagen verschiedener Kollegen, nicht eben wenige, die jetzt über die mangelnde Geschwindigkeit klagen. Dies könnte letztendlich dazu führen, dass diese Funktionen nicht mehr genutzt werden und damit auch das datenträgerbasierte VlB weniger genutzt wird. Denn das VlB droht  einen großen Wettbewerbs-Vorteil im Sortiment zu verlieren. Wohl die meisten Buchhändler nutzen nicht nur das VlB, sondern auch die Kataloge der Barsortimente. Gerade kleinere Sortimente verzichten nicht erst seit der Neu-Aufstellung des VlB auf dieses.  Dass die Barsortimente seit Jahren keine lokal einsetzbaren Datenträger mehr liefern und auch hier Probleme mit der Geschwindigkeit auftreten können, scheint Allgemeingut geworden zu sein. In der schönen neuen Online-Welt gehört das Versagen der Infrastruktur, gerne auch mal im Weihnachtsgeschäft, zur knurrend akzeptierten Ordnung. 

So sehen wir uns einem Paradigmen-Wechsel ausgesetzt, der eigentlich schon lange im Gang ist und der sich jetzt noch einmal in aller Klarheit zeigt. Die Zeit der lokal eingesetzten Datenquellen ist vorbei, mit einer Verbesserung der Situation ist wohl nicht mehr zu rechnen. Was aber bleibt, ist eine wechselseitige Abhängigkeit von VlB und unabhängigen Software-Entwicklern. Ein Bedeutungsverlust des VlB schwächt unabhängige Anbieter von Branchensoftware, und ebenso ist das VlB im Sortiment auf Software angewiesen, die das VlB mit all seinen Möglichkeiten nutzt. Es ist keine schöne Vorstellung, dass diese Branche, ihrer Vielfältigkeit beraubt, von lieferanten-bezogener Software dominiert wird. Diese hat zwar in der Regel ebenfalls das VlB integriert, stellt jedoch oft die eigenen Vorzüge in den Vordergrund, was aus Gründen der Kundenbindung auch durchaus legitim ist.

Der Buchhandel muss sich umstellen

Und auch hier kommt das neue VlB zum Einsatz.

Doch was tun? Das kann ich natürlich nur für mich und meine Software-Produkte entscheiden, die jedoch anderen Produkten aus meinem Umfeld ähneln, schließlich kochen wir alle mit Wasser bzw. kreisen um die gleichen Themen. Bei aller Kritik an der neuen DVD darf nicht übersehen werden, dass gleichzeitig neue Wege des Online-Zugriffs geschaffen wurden, die nicht nur erweiterte Möglichkeiten, gerade im Bereich multimedialer Zusatzinformationen, liefern, sondern auch ausgesprochen flott arbeiten. Was allerdings auch die Bereitschaft erfordert, einige grundlegende Konzepte zu überdenken und anzupassen, denn die „schöne, alte Offline-Welt“, in der Titelinformationen zwar nicht immer ganz aktuell, dafür aber nur einen Sekunden-Bruchteil entfernt waren, ist vorbei.

Womit wir allerdings wieder bei der Frage nach dem nötigen Aufwand für die Anpassung unserer Software sind. Und es ist wohl, als müssten wir dies zähneknirschend hinnehmen, um gegenüber der oben erwähnten lieferantenbezogenen Software bestehen zu können. Schlussendlich leben wir davon, unseren Kunden auch in einem immer schwieriger werdenden Umfeld pragmatische und funktionierende Lösungen anbieten zu können.

 

Teaserbild: Opens external link in new windowTill Westermayer - flickr Lizenz: Opens external link in new windowCC BY-SA 2.0

Übrige Bilder: privat

25. Januar 2016