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IT/Herstellung, Management, Pubiz-Newsletter

Mit welchen Strategien Druckereien die Zukunft ansteuern

Im engen Druckmarkt mit Dienstleistung profilieren

Von Michael Lemster

Die Druck-Konjunkturindizes weisen seit Jahren Stagnation aus.  Einige Druckereien setzen auch mit Blick auf Verlage auf neue Services.



Sinkende Durchschnittsauflagen und zu hohe Produktionskapazitäten setzen der Kalkulation im klassischen Geschäft mit Druck und Bindung mehr und mehr zu. Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht „Kapazitäten aus dem Markt genommen werden“, sprich: Druckfirmen in die Liquidation gehen. Die verbleibenden optimieren mithilfe von aktuellster Technik, Inline-Produktion und fein aufeinander abgestimmter Maschinerie ihre industriellen Arbeitsprozesse, steigern ihre Qualität und hoffen im Übrigen darauf, dass ihr Vertrieb immer gute Arbeit leistet. 

Eine Reihe von Druckunternehmen erweitern ihr Portfolio um Serviceleistungen, die nicht zum Kerngeschäft der Industrie gehören. Wie viele dies sind, darüber führen die Verbände keine Statistik. Bettina Knape vom Bundesverband Druck und Medien sieht diese innovativen Unternehmen nach wie vor in der Minderzahl und mag nicht von einem Trend in Richtung Service-Offensive sprechen. Auch die Drucker, die ihr Service-Portfolio erweitern, halten sich bedeckt und sprechen darüber am liebsten nur mit ihren Verlagskunden. Im scharfen Wettbewerb wollen sie Vorteile solange wie möglich behaupten, auch wenn Berater wie Bernd Zipper Transparenz anmahnen.

Integration von ERP-Daten

Einer von denen, die sprechen, ist Christian Gaidies, Geschäftsführer der Beltz Graphische Betriebe in Langensalza. Er sieht die Druckereien in der Pflicht, mehr Schnittstellen-Verantwortung in der Zusammenarbeit mit den Verlagen zu übernehmen. In dieser Richtung baut er das „Betriebssystem“ von Beltz aus. Zur Erleichterung der Abstimmung über die einzelnen Aufträge und zur Erhöhung der Prozess-Qualität stellt die Druckerei die auftragsbezogenen Daten wie Termine, Auflagen, Umfänge in medienneutralen Formaten zur Integration in die Verlagssoftware der Kunden bereit. Erster Kunde ist der Campus Verlag, der zur Beltz-Gruppe gehört. Dessen Verlagssystem Buchinfo verarbeitet die Daten automatisiert weiter. – Auch andere Verlagssoftwares wie etwa Klopotek kommunizieren mit den ERP-Softwares von Druckereien.

Open.junixx.FM, das Verlags-ERP des Frankfurter Herstellers Juni.com, verarbeitet neben Auftragsdaten die Preislisten der Drucker. Die Informationen aus diesen Preislisten laufen zum Beispiel in die Vorkalkulation ein und erleichtern den Materialwirten etwa beim Juni.com-Kunden Münchner Verlagsgruppe (mvg) das Leben. Da die Druckereien solche Preislisten gegenwärtig als Excel-Dokumente liefern, bleiben diese Informationen statisch. Eine dynamische Integration von Leistungskatalogen sei für Verlage noch ein Zukunftstraum, sagt Stefan Schörner, Leiter Finanz- und Rechnungswesen bei der mvg.

Logistik-Spezialitäten

Das Grafische Centrum Cuno (GCC) hat bei der Konversion vom „Nur-Drucker“ zum „Auch-Drucker“ bereits eine längere Wegstrecke zurückgelegt. Zwei Drittel der ‧Belegschaft arbeiten laut Inhaber Manfred Cuno nicht mehr an Druckmaschine, Klebebinder oder Dreischneider, sondern in Vorstufe, Weiterverarbeitung und Logistik. Die Logistik ist einer der Schwerpunkte des GCC. Eine breite Palette an Leistungen im Direktmarketing, wie sie sonst Agenturen erbringen, gehört zum Standardangebot – vom Adress-Management über Gestaltung und Lettershop-Dienste bis zu Kuvertierung und porto-optimiertem Versand.

Was mit Werbedrucksachen funktioniert, funktioniert auch mit Verlagsprodukten. Für den Ullstein Verlag druckt GCC das Jahrbuch „Das Jahr im Bild“ und liefert die für den Buchhandel vorgesehene Auflage an die Auslieferung KNV-VA und an Großkunden. Herausfordernder war die stattliche Sonderauflage, die Ullstein an die Sparkassen-Gruppe für deren Vorzugskunden verkauft hatte. Diese Sonderausgabe musste nicht nur pünktlich an die Kunden gebracht werden, zusätzlich musste ein Teil der Auflage eine Personalisierung enthalten. Einige Filialgeschäftsführer wünschten darüber hinaus, die für sie bestimmten Exemplare in die Niederlassung geliefert zu bekommen, um ihre Kunden zwecks Übergabe in die Filiale einzuladen. Andere entschieden sich für die Direktbelieferung per Post. „Für uns ist es ein enormer Gewinn, komplexe und sensible Projekte dieser Art bewusst nur einem Partner anzuvertrauen zu können“, sagt Ullstein-Produktionsleiterin Michaela Philipzen und würdigt damit die Schwierigkeit der zu bewältigenden Aufgabe. 

Vom Druck zum Managed Service

Vor Komplexität schreckt auch Christian Bayerlein von Farbdrucke Bayerlein nicht zurück. In Abstimmung mit der Walhalla Verlagsgruppe entstand in Neusäß bei Augsburg eine ausgefeilte B2C-Logistik für den Tochterverlag Deichmann + Fuchs. Die vier hochspeziellen Loseblattwerke von Deichmann + Fuchs wenden sich vor allem an kommunale Anwender und werden direkt vertrieben. Die Druckvorstufe entsteht im Verlag. Den Druck der Grundwerke im Digitaldruck und der Ergänzungslieferungen im Offset-Verfahren sowie Aussand und Rückläufer-Annahme übernimmt Bayerlein. Das Walhalla-Callcenter erledigt die Vertriebsarbeit und den Kundenkontakt. Die ERP-Systeme von Druckerei und Verlag sind eng verzahnt. Regelmäßig werden etwa die Lagerbestände synchronisiert. Jede eingehende Bestellung eines Grundwerkes muss innerhalb von drei Tagen ausgelöst und nebst Tracking-Code automatisiert an Walhalla zurückgemeldet werden. 

Weil Bayerlein unabhängig vom Druckverfahren auf der Basis eines Seitenpreises für Walhalla produziert, steht es im Interesse des Druckers, möglichst wirtschaftlich mit dem vorhandenen Material umzugehen und das Lager klein zu halten. Daher weiß die Warenwirtschaft von Bayerlein, wie viele Ansichtsexemplare der Grundwerke in Umlauf sind und in welchem Zeitrahmen sie möglicherweise retourniert werden. So kann die Druckerei für die Auslieferung auch mit solchen Exemplaren disponieren, die gar nicht in ihrem Lager liegen.

Noch ein anderer wichtiger Grund spricht für ein möglichst kleines Lager: Die Notwendigkeit, den Aufwand für die Nachbestückung der vorhandenen Grundwerke möglichst gering zu halten. Steht eine Ergänzungslieferung bevor, entscheidet der Drucker gemäß seiner Kalkulation, ob er einzelne Kapitel oder die kompletten Innenteile austauscht. Dieser Schritt ist nicht leicht zu automatisieren, da er im Falle von Retouren auch an einzelnen Exemplaren der Grundwerke durchgeführt wird.

Christian Bayerlein betont, dass seine Dienstleistung mehr einem Managed Service als einer klassischen industriellen Leistung ähnelt. Mit seiner Lösung geht er ins operative Risiko: Bezahlt werden nur die versendeten, nicht die produzierten Volumina.

Die entstandene Infrastruktur und die damit verbundenen Fähigkeiten der Mitarbeiter lassen sich auch auf andere Projekte anwenden. Für den Münchner Touristik-Verlag Nelles produziert Bayerlein individuelle Reiseführer, wie sie Touristikunternehmen ihren Kunden schenken. Der Drucker hat für Nelles die Möglichkeit perfektioniert, Umschlag-Mutationen bei kleinsten Teilauflagen durchzuführen. Diese Möglichkeit nutzt er zusammen mit seinem Fulfillment-Know-how bei heidno.de, seinem neuen Web-to-Print-Portal für Akzidenzen. „Heidno“ ist schwäbisch für „heute noch“.

Drucker als Servicepartner entdecken

Innovative Service-Lösungen, das zeigen die Beispiele, entstehen vielfach zunächst individuell im Dialog mit einzelnen Kunden. Aus der einen Lösung lassen sich wiederum andere ableiten und weiterentwickeln. 

Es lohnt sich also für Verlage, die über ihre Prozesskette vom Rohstoff bis zum Fulfillment nachdenken, auch mit Druckbetrieben darüber zu sprechen.

aus: buchreport.spezial Herstellung & Management 2016 (Opens external link in new windowhier zu bestellen)

Foto: BVDM

10. Juni 2016