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Digitaldruck:

Inkjet-Druck: Das Sein und das Sollte

Von Anja Schlimbach

Er gilt derzeit als sicherste Wette, wenn jene Technologie bestimmt werden soll, die eines Tages den Offsetdruck herausfordern wird können: Inkjet. 

Doch einige der gegenwärtigen technologischen Hürden scheinen nur mit beachtlichem Aufwand überwindbar.

 

Die Debatte führt Michael Bromberger gerne. Allerdings anders. Sein Thema: die angeblich nicht ausreichende Qualität des Inkjetdrucks für bestimmte Zwecke. Es geht darum, ob die Wahrnehmung von Qualität in diesem Fall vielleicht nicht eher von Standards, von Tradition und weniger vom menschlichen Auge bestimmt wird.

„Für einen Großteil der Verbraucher ist die Qualität aus meiner Sicht absolut ausreichend. Es sind lediglich die uns selbst auferlegten Hürden, die uns eingrenzen. Die klassische Offsetindustrie hat über Jahrzehnte hinweg den Anspruch zelebriert, dass eine bestimmte Qualität wichtig ist, um ein Druckprodukt richtig nach außen zu kommunizieren. Das zeichnet sich zum Beispiel dadurch aus, dass allein in der Farbabstimmung Nuancen von über drei Prozent schon als qualitätsentscheidend definiert sind. Der Verbraucher sieht den Qualitätsunterschied aber gar nicht“, sagt Bromberger, Manager beim Papierhändler Antalis.

Entwicklungsschub

Die Hersteller haben in den letzten Jahren viel an Entwicklungsressourcen darin investiert, den vermeintlichen Makel, dieses finale Argument gegen den Inkjetdruck, zu beseitigen. „Wir haben eigentlich alle Inkjet-Maschinen getestet und gemerkt, dass es in den letzten zwei, drei Jahren eine enorme Entwicklung gegeben hat. Digitaler 4c-Druck von Michael Lemster bei pubiz.deSobald ein Hersteller die nächste Kopfgeneration oder eine neue Tintenmixtur verwendet, gibt es oft einen richtigen Qualitätssprung. Bei einem Hersteller hat es schon gereicht, eine neue Rezeptur der Magenta-Tinte zu verwenden. Das heißt, die Qualität wird immer besser“, sagt Gerhard Märtterer, für das One-to-One Marketing bei der Druckerei Eversfrank zuständig.

Spätestens zur nächsten Drupa in vier Jahren, davon ist Gerhard Märtterer überzeugt, werden Laien die Unterschiede zwischen Offset und Highspeed-Inkjet ohnehin kaum noch wahrnehmen – und darauf kommt es ja an. „Köpfe, Tinte, Papiere und auch die Gradation der einzelnen Bildaufbauten müssen genau aufeinander abgestimmt sein. Wenn man an all diesen Stellschrauben mit Feingefühl dreht, kommt heute schon eine Güte zustande, die zumindest hinreichend ist.“

Nicht langsam

Keine so intensive Mäkelei dagegen gibt es bei der Geschwindigkeit der Inkjet-Druckmaschinen. „Wir produzieren beispielsweise sogenannte Webreaction-Postkarten. Dabei bekommen wir Listen von Online-Händlern, bei denen Kunden zwar Produkte in den Warenkorb legten, aber nicht zum Kaufabschluss kamen. Wir produzieren dann täglich on demand Postkarten für diese Kunden mit speziellen, auf ihre Interessen abgestimmten Angeboten. Diese Webreaction-Selfmailer drucken wir momentan jeden Tag in fünf- bis sechsstelligen Auflagen. Wer bei solchen Jobs zu langsam ist, hat keine Chance. Die Karten müssen am selben Tag noch zur Postauslieferung, damit sie möglichst schnell beim Kunden sind“, erläutert Gerhard Märtterer.

Aber auch nicht schnell genug

Und trotzdem: da geht noch was. Und was die Maschinenhersteller behaupten, sind Erkenntnisse aus der Idealwelt der eigenen Fabriken. „Als kleiner Bub habe ich durch die Scheiben von schnittigen Autos geschaut und gestaunt, wenn auf dem Tacho 200 km/h stand. Was ich nicht wusste: Das Auto kann den Berg hinauf wohl kaum mit 200 km/h fahren“, erzählt Gerhard Märtterer.

„Im Highspeed-Inkjet ist das ähnlich. In manchem Prospekt stehen bis zu 400 Laufmeter die Minute, aber eben nur in Schwarz und mit geringer Auflösung. Damit lassen sich vielleicht Bücher drucken, aber keine vierfarbigen Werbedrucksachen und das in hoher Auflösung. Und so geht die Geschwindigkeit unter Praxisbedingungen im Akzidenzdruck meist runter. Dazu kommen noch die Papiergewichte. Wenn ich beispielsweise Postkarten drucken möchte, wird es noch einmal langsamer, weil die Trocknung stärkerer Papiere eben länger dauert. Wenn man das alles zusammen nimmt, kennen wir keine Maschine, die im hochauflösenden Vollfarbmodus die 100 Laufmeter überschreitet oder gar erreicht. Praxisgerecht sind derzeit etwa 75 Laufmeter pro Minute in guter Qualität.“

Schneller rechnen

Es kommt noch eine weitere technologische Begrenzung ins Spiel: die Controller, die Daten erst einmal rippen müssen. „Wenn wir echtes One-to-One machen, muss man jede Seite neu aufbauen. Ein Rechner, der etwas schwach ist, bremst auch die schnellste Highspeed-Maschine aus. Manche behelfen sich mit dem Vor-Rippen. Aber dann braucht man Zwischenspeicher. Das ist alles nicht optimal. Ideal ist, wenn man on the fly rippt und gleich auf die Maschine geht. Nur das ist als industrieller Prozess in Zukunft noch denkbar“, ergänzt Gerhard Märtterer.

Natürlich sind die Maschinen mittlerweile schon schneller geworden. „Neben der Qualität sind auch gewisse physische Eigenschaften der Papiere limitierende Faktoren. Ich gehe aber davon aus, dass mittelfristig ein Vielfaches an Geschwindigkeit möglich sein wird. Tatsächlich halte ich 300 bis 500 Laufmeter pro Minute mittlerweile für ein erreichbares Ziel“, fügt Michael Bromberger hinzu.

Die Sache mit dem Rot

Um wirklich gute Qualität in wirklich hohen Geschwindigkeiten zu erreichen, braucht man auch die  richtigen Zutaten. Entwicklungspotential besteht vor allem im Bereich der Farbe. Es ist so, dass selbst die Marktführer in diesem Segment noch nicht in der Lage sind, ein Marlboro-Rot zu drucken. Das braucht man zwar wegen der Werbebeschränkungen für Tabakprodukte wohl immer weniger, aber das Beispiel zeigt: Brand Owner sind so nur schlecht als Kundschaft für den Inkjet zu gewinnen. „Die Technologie muss sich weiterentwickeln. Das Potential steckt in der Akzeptanz im Markt. Man sieht das im Großformatdruck. Der bedient heute eine extrem breite Farbpalette, auch im Bereich der Sonderfarben, der Leuchtfarben, metallischen Farben oder Weiß“, so Michael Bromberger.

Das Papier wiederum muss in der Lage sein, Tinte bei hohen Geschwindigkeiten aufzunehmen, es muss umgehend trocknen und der Punkt muss auf der Oberfläche sichtbar bleiben. „Momentan ist eines der Hauptprobleme, bei dieser Geschwindigkeit die ideale Farbwiedergabe realisieren zu können“, so Michael Bromberger. Sein Urteil ist vernichtend: „Ich würde sagen, dass 70 Prozent der Substrate ein Ergebnis erreichen, das nach den derzeitigen Qualitätsansprüchen nicht ausreichend ist.“ Die restlichen 30 Prozent der Substrate auf dem Markt, die können ganz schön teuer werden: bis zu 3.000 Euro pro Tonne.

Keine Spezialpapiere

Mit solch teuren Spezialpapieren versetzt man dem Verfahren jedoch schnell wieder einen K.O.-Schlag. „Wir haben hochindustrielle Prozesse und wir müssen auf das Geld schauen. Wir können keine hohen One-to-One-Auflagen verkaufen, wenn unsere Produkte zu teuer sind, denn dann steigen unsere Kunden gleich wieder aus“, schildert Gerhard Märtterer. „Deshalb glauben wir, dass spezielle Papiere für den Digitaldruck nur in die Sackgasse führen. Da kommt uns zugute, dass die Tröpfchengröße bei den neuen Inkjetkopfgenerationen immer kleiner wird und es somit immer einfacher wird, auf Standardpapieren zu drucken. Das ist für uns der Weg.“

Precoating bringt auch nichts

Alternativ können die Papiere inline in der Druckmaschine geprimert werden. Es wird dann ein Substrat aufgebracht, das die Aufnahme der Tinte ermöglicht. Damit lässt sich theoretisch jedes Papier fahren. Es darf aber nicht vergessen werden, dass Precoating zwar für den Hersteller ein zusätzliches Verdienstmodell ist, doch für den Dienstleister eine Unbekannte, mit der sich nur sehr schwer kalkulieren lässt. „Am Ende des Tages kann es passieren, dass ein Druckprodukt so teuer wird, dass es plötzlich nicht mehr attraktiv ist“, erklärt Michael Bromberger.

So ist das Precoating zwar interessant, um die Qualität anzuheben, aber wenig zielführend für industrielle Prozesse. Erstens kostet es zu viel Zeit und Geld, zweitens unnötig viel Energie. „Wir verwenden nur Naturstrom. Dafür zahlen wir pro Kilowattstunde etwas mehr als für den Standardmix. Da können wir uns einen hohen Stromverbrauch nicht leisten“, erläutert Gerhard Märtterer.

Zudem ist die Umweltfreundlichkeit für Eversfrank auch ein wichtiges Verkaufsargument. Es gibt unter den Kunden etliche Versender, die Naturprodukte verkaufen, oder Outdoor-Spezialisten, die sich ebenso die Natur auf die Fahnen geschrieben haben. „Mit dem Umweltsiegel Nordic Swan beispielsweise verkaufen wir sehr gut in Skandinavien. Das wollen wir nicht riskieren und bieten entsprechende Papiere und einen möglichst niedrigen CO2-Footprint an. Aus diesem Grund erwarten wir von den Herstellern auch weitere Optimierungen, um Energie einzusparen. Die Highspeed-Inkjet-Maschinen brauchen derzeit noch viel zu viel Strom.“

Keine Antworten

Highspeed-Inkjet in die eigene Produktion zu integrieren, ist mehr als die Hinzufügung einer weiteren Technologie, mehr als die Beherrschung eines neuen Systems und mehr als die Abwägung der Qualität mit dem Fadenzähler. Highspeed-Inkjet ist der Bruch mit gewohnten Abläufen. Aber offenbar gibt es auf all die Fragen rund um den Einsatz der Systeme noch zu wenig Antworten und vor allem: zu wenige, die antworten. Michael Bromberger stellt also fest: „Der Kauf der Maschine ist eigentlich der unwichtigste Akt. Druckereien haben ein sehr hohen Informationsbedarf, der derzeit nur selten gedeckt wird. Die Fachleute, die es in diesem Bereich gibt, lassen sich fast an einer Hand abzählen“. Das dürfte zu wenig sein für die weitere Verbreitung des Inkjetdrucks.

 

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Teaserbild: Opens external link in new windowMichael Lemster

28. November 2016