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Verlage und graphische Industrie

»Wir müssen uns im Dialog gemeinsam weiterbilden«

„Wir müssen reden!“ Der fachliche Austausch auf Augenhöhe zwischen Verlagsmanagern und Dienstleistern – besonders der graphischen Industrie – ist heute wertvoller denn je. Und die Learnings aus diesem Dialog sind für die Zukunftsfähigkeit beider Branchen hochwichtig, findet Joerg Pfuhl, Geschäftsführer der Holtzbrinck Buchverlage, im pubizInterview.

 

Am Rande des Future Book Forum 2017 von Canon Europe beleuchtete Joerg Pfuhl das Verhältnis der beiden benachbarten Industrien. Canon, nach eigener Angabe in Deutschland Marktführer für Digitaldruckmaschinen, bringt jeden November mehrere hundert internationale Verlags-, Druckerei- und Maschinenbau-Manager am Canon-Fertigungsstandort Poing bei München zusammen.

 

Wie steht es heute um die Beziehungen zwischen Verlagen und graphischer Industrie?

Ich kann nicht für die gesamte Verlagsbranche sprechen, zumal ich kein Herstellungs-Experte bin. Aus meiner persönlichen verlegerischen Sicht arbeiten Verlage und graphische Industrie eng zusammen, was sich auch empfiehlt: Die Dynamik technischer Innovationen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Lediglich alle zwei Jahre die Produktionspreise zu verhandeln, ist zu kurz gesprungen.

Wie würden Sie das Verhältnis charakterisieren?

Ich empfinde es als vertrauensvolle Partnerschaft. Und diese Partnerschaft aktiv und kreativ zu gestalten, ist für beide Seiten ein wichtiger Erfolgsfaktor. Dienstleister und Verlage sehen aus unterschiedlicher Perspektive auf denselben Markt. Dienstleister können in technischen Angelegenheiten gute Impulse geben, auf die wir als Verlage selbst nicht so leicht kommen.  Das können wertsteigernde ebenso wie kostensparende Innovationen sein. Idealerweise gewinnen dann beide Seiten. Wir haben gemeinsam einen großen Hebel. Ich persönlich nehme unsere Dienstleister in punkto Innovationen auch sehr konkret in die Pflicht.

Werden Drucker und Weiterverarbeiter im Mediendruck jemals wieder zu den alten Volumina und den alten Margen zurückkehren?

Das Leben wäre so viel leichter, wenn ich eine Kristallkugel hätte. Leider habe ich keine. Aber ich schätze, den Mengen von einst können wir nur noch hinterhertrauern. Und wenn wir die Wertschöpfung lediglich an den gedruckten Exemplaren messen wollten, gäbe dies ein ebenso trauriges Bild.

Aber zusätzliche Leistungen, die die Industrie für uns erbringt, bringen ihr voraussehbar zusätzliche Wertschöpfung und machen beiden Seiten Spaß. Denken Sie zum Beispiel an Print-on-Demand: Da werden ja nicht einfach statt großer Auflagen im Offsetdruck kleine Auflagen im Digitaldruck gefertigt. Diese Technik erlaubt uns, Backlisttitel länger vorzuhalten, Nischentitel ins Programm zu nehmen oder Bücher zu personalisieren.

Kreativer Austausch mit der graphischen Industrie: für Verlage das Gebot der Stunde. Foto: Pixabay.

Kreativer Austausch mit der graphischen Industrie: für Verlage das Gebot der Stunde.

 

Das ist eine große Spielwiese für kreative Programmarbeit, wenn gute Ideen zwischen den Partnern und den Märkten diffundieren. Auch aus diesem Grund spreche ich seit Jahren auf dem Future Book Forum von Canon, denn dort lerne ich immer wieder Neues aus Anwendungsbeispielen anderer Verlage aus In- und Ausland.

Wo sehen Sie Produktivitätsreserven in der Kollaboration zwischen Industrie und Verlagen, die noch brachliegen?

In der Rationalisierung der Prozesse geht immer noch etwas, auch wenn in den letzten Jahren bereits viel passiert ist. Wir schauen weiter auf den Digitaldruck, aber auch auf Bindetechniken.

Wer genau ist dafür verantwortlich, diese Potenziale zu „heben“?

Es gibt da keinen allein Verantwortlichen. Wir alle müssen schauen, uns im Dialog gemeinsam weiterzubilden. Kooperation und Kommunikation sind wichtiger denn je.

Haben Sie konkrete Beispiele, wo das geglückt oder gescheitert ist?

Wir mussten leider feststellen, dass das Thema Print-on-Demand langsamer vorankam, als wir es ursprünglich gehofft hatten. Andererseits machen wir erfreuliche Fortschritte beim Thema Klebebindung, wo wir erfolgreich eine Menge Themen testen. Ich hätte früher niemals gedacht, dass ich mich einmal intensiv mit Bindetechniken beschäftigen würde.

Ist das graphische Gewerbe innovativ genug, um die Bedürfnisse der Medienwirtschaft nicht nur zu bedienen, sondern auch neue Bedürfnisse auszulösen?

Definitiv ja. Wir haben einen sehr guten Dialog mit unseren Dienstleistern. Dieser Dialog findet auf der Basis eines partnerschaftlichen Miteinanders statt. Nur gemeinsam werden wir auch gute Lösungen in der Praxis umsetzen können.

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Erhalten Sie als Repräsentant eines großen Medienunternehmens ausreichend Informationen aus den Druckereien, und sind es die richtigen?

Ich habe keinen Überblick über den kompletten Markt. Ich bin aber im laufenden Dialog mit den Partnern, die für uns relevant sind, und fühle mich gut informiert. Es ist kein Geheimnis, dass wir uns sehr stark an CPI gebunden haben. Diese Bindung intensiviert den Dialog. Und ich kann alle Verlage nur ermutigen, aus ihren Geschäftsbeziehungen ein Maximum herauszuholen.

Wenn Sie mal zurückdenken an Ihre gesamte Karriere in Publikums-, Bildungs- und Fachverlagen: Wo und wie kamen die Innovationen ins Haus, die die Verlage letztlich weitergebracht haben?

Die kamen von beiden Seiten. Die technischen Innovationen kamen eher von den Dienstleistern. Das waren aber gar nicht unbedingt die Außendienstler. Mehr entsteht bei unseren regelmäßigen Betriebsbesichtigungen und Arbeitstreffen. Technologische und strategische Innovationen sind dort regelmäßige Themen.

Die meisten Drucker reden nicht gern öffentlich über ihre Erfindungen und Innovationen. Lieber überlassen sie es ihren Außendienstlern, die Verlagshersteller davon zu überzeugen. Warum ist das so?

Ich glaube, das ist eine Frage des Kommunikationsstils. Ich persönlich brauche keine Hochglanzbroschüren. Mir liegt mehr am Austausch vor Ort, in den Betrieben selber.

Wäre es förderlich, wenn Drucker sich mehr für Verleger und Verleger sich mehr für Drucker interessierten?

Ja. Das Thema ist zu wichtig, um es den Experten zu überlassen. Auch deshalb schätze ich das Future Book Forum. Bei vielen Themen habe ich erst dort die Relevanz für die Praxis erkannt.

 

Dr. Joerg Pfuhl ist seit September 2016 CEO der Holtzbrinck Buchverlage.Davor war er als Professor an der Hochschule für Angewandtes Management aktiv und hatte mehrere Aufsichtsratsmandate inne, darunter u.a. bei der Edel AG und der Franz Cornelsen Stiftung. Bis 2011 war Joerg Pfuhl Vorsitzender der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Random House. Ehrenamtlich engagiert sich Joerg Pfuhl seit 2004 im Vorstand der Stiftung Lesen. 

Fotos: Pixabay, Peter Peitsch.

30. November 2017