powerded by www.buchreport.de
i
Management, Menschen, Marketing/Werbung

Im pubiz.de-Interview: Agentur-Gründer und "Direttissima"-Veranstalter Robert Goldschmidt und Felix Wegener

"Für einen souveränen, differenzierten und mündigen Umgang mit den neuen Medien"

Von Michael Lemster

Die "Direttissima" 2016 am 22. April in München verspricht ein besonderer Kongress zu sein: jung, interdisziplinär, mutig. Mut beweisen auch die jungen Veranstalter. Sie haben erst ihre gleichnamige Kreativ-, Web- und Marketing-Agentur aus der Taufe gehoben. Allerdings sind sie alles andere als Publishing-Frischlinge...

 

Robert Goldschmidt, gelernter Buchhändler, studierter Buchwissenschaftler begründete 2014 den Deutschen eBook Award, der die schönsten deutschsprachigen eBooks auszeichnet. Nach Stationen bei Kunstmann, wissen media, dem GRIN Verlag und Wirth & Horn ist Robert Goldschmidt nun als Projektmanager Digital und Webdesigner der Agentur DIRETTISSIMA tätig.

Felix Wegener, Inhaber der Agentur viawegener, gegründet im November 2014. Arbeitet seit 15 Jahren in der Buchbranche u.a. in den Bereichen Vertrieb, Presse und Marketing. In der digitalen Welt seit 2010 verortet. Mitglied der Kulturkonsorten und der AKEP Kommission Peergroup Digitales Marketing und Kommunikation. Seit Juni 2015 verantwortlich für den Bereich Marketing & Business Development bei readbox publishing GmbH.

 

Robert Goldschmidt, Felix Wegener: vier Kunden, zwei Männer, eine Konferenz – ist es nicht ein bisschen verwegen, so früh so groß zu denken?

Robert Goldschmidt: Zumindest haben wir vier Kunden, die wir nennen können. – Natürlich ist die Organisation einer Konferenz immer eine große Herausforderung. Gegenüber größeren Organisationen oder Unternehmen haben wir aber den Vorteil der kurzen und somit schnellen Kommunikation. Absprachen und Vereinbarungen laufen intern sehr unkompliziert. Neben dem zeitlichen Aspekt können wir an der Konferenz auch direkt unsere Kernkompetenzen (Marketing, Projektmanagement, Webdesign) anwenden. Natürlich stecken in großen Projekten auch größere Risiken. Für uns sind diese aber kalkulierbar und manchmal muss man Dinge auch einfach umsetzen. Gegenargumente gibt es schließlich immer.

Eine Direttissima ist ein Weg zum Gipfel, der Kraft und Mut mit eleganter Zielerreichung belohnt. Trägt der alpinistische Name eure Idee bis nördlich der Mainlinie, oder peilt ihr ausschließlich den süddeutschen Raum an?

Robert Goldschmidt: Wir haben keine geografische oder anderweitige Beschränkung bei den Teilnehmern. Wir richten uns zwar an die Verlags- und Medienbranche im deutschsprachigen Raum, aber die Themen der Referenten liefern sehr viele Ansatzpunkte für Interessierte aus anderen Branchen.

Wo seht ihr die konzeptionellen oder inhaltlichen Lücken im dicht besetzten Feld der Kongresse?

Robert Goldschmidt: Zum einen bieten wir über den Ticketpreis jungen Brancheneinsteigern die Möglichkeit, an einer Konferenz teilzunehmen. Dadurch sprechen wir eine breitere Zielgruppe in unserer Branche an und fördern den Austausch untereinander. Zum anderen sollen die Themen und Referenten ihre Erfahrungen und Ideen aus fremden, uns wenig bekannten, sowohl digitalen als auch analogen Branchen in die Konferenz hineintragen. Da wartet sehr viel Neues auf uns und sicherlich auch Kontroverses.

Wo rechnet ihr mit Kontroversen?

Robert Goldschmidt: In der Verlagsbranche haben sich Haltungen und Regeln etabliert, die aus langjährigen Erfahrungswerten und historischen Entwicklungen entstanden sind.  Die meisten sind auch wichtig und richtig, allerdings sollte man unsere Branche und den eigenen Habitus sowie deren Wirkung nach außen ab und zu überprüfen. Die Referenten aus anderen Branchen sind bewusst keine Kenner der Verlagswelt aber somit auch nicht “vorbelastet”. Da werden sicherlich auch mal Klischees aufeinandertreffen.

Ein Kongress funktioniert nur dann, wenn viele Besucher kommen, die der Veranstalter nicht persönlich kennt. Durch welche Leistungen möchtet ihr die überzeugen?

Felix Wegener: Zum einen sicher mit den klassischen Überraschungseffekt - wie oben bereits beschrieben sind wir nur zu zweit und fahren ein anderes Konzept als die meisten Veranstalter. Der Tellerrand-Blick wird immer wieder gerne propagiert, nur leider bleibt es oft bei einer Binnensicht - das heißt beim Austausch innerhalb einer Branche.

Ihr seid nicht die ersten, die dies sagen. Geht es konkreter?

Robert Goldschmidt: Zum einen wollen wir und die Referenten zeigen, was aktuell passiert, und weniger, welche zukünftigen Entwicklungen geplant sind, zum anderen werden keine Zahlen, Statistiken oder Diagramme präsentiert, sondern es wird über persönliche und berufliche Erfahrungen gesprochen. Es soll ein durchaus intimer und menschlicher Austausch stattfinden. Das hört sich jetzt ein wenig nach Selbstfindungsseminar an, aber beobachtet man andere Konferenzen, tauschen die Teilnehmern sich wesentlich emotionaler und nachhaltiger aus als bei den Vorträgen von der Bühne herab. Wir haben sehr bedacht die Referenten auch nach diesem Kriterium ausgewählt.

Wie könnt ihr sicher sein, dass ein relevanter Anteil der Verlags-Menschen den versprochenen "Gipfel der vollkommenen Digitalisierung" überhaupt erreichen will?

Felix Wegener: Nun ja, hier muss man die Klammer etwas weiter aufbiegen. Mit ‘vollkommener Digitalisierung’ ist der klassische Tagesablauf und Rhythmus gemeint. Was machen wir denn zumeist, wenn wir morgens aufstehen? Das Handy oder Tablet liegt doch stets griffbereit. Wir wollen und müssen unseren Informationspegel für den Tag erstmal auf den neuesten Stand bringen, ob das mit dem digitalen Radio beim Kaffee passiert oder mit dem Handy auf dem Weg zur Arbeit oder in den Pausen im Arbeitsleben. Der “digitale Raum” ist immer anwesend - man braucht nur die Tür aufzumachen und einzutreten.

Robert Goldschmidt: “Der Gipfel der vollkommen Digitalisierung” bedeutet allerdings nicht, ein rein digitales Leben führen zu müssen, sondern einen souveränen, differenzierten und mündigen Umgang mit den Medien und Technologien zu pflegen. Leider diskutieren heute immer noch die Extrempositionen Totalverweigerer vs. Totalbefürworter gegeneinander. Solche Auseinandersetzungen nerven und bringen niemanden weiter. Die Digitalisierung ist da und umfasst weite Teile unseres Lebens. Es ist kein Hobby, das wir uns aussuchen. Daher muss sich ein jeder digitale Kompetenzen aneignen, um die Entwicklung mitbestimmen zu können. Vollkommene Digitalisierung bedeutet auch, alles zu können, aber nicht alles zu müssen.

Ihr sprecht auch Künstler an, ihr ruft dazu auf, die eigene Filterblase zu verlassen. Wie wollt ihr das konkret erreichen? Eure Speaker-Liste ist mit "üblichen Verdächtigen" gut besetzt.

Felix Wegener: Ich würde sagen: wir haben die nahezu perfekte Mischung. Neben den üblichen Verdächtigen, an denen wir nicht vorbeikommen, da sie der Branche vorangehen, haben wir auch mit einem Extrem-Kletterer, einem Barkeeper und Whisky-Produzenten, einer Modedesignerin, einem Kunsthistoriker und und und einen großen Anteil von Persönlichkeiten aus anderen Branchen. Übrigens ist es nicht nur für die Buch- und Verlagsbranche wichtig, den Austausch zu suchen, sondern auch für viele andere Sparten und Bereiche, die sich ebenso mit der Digitalisierung auseinandersetzen müssen. 

Wen wollt ihr umgekehrt dezidiert nicht ansprechen?

Felix Wegener: Das wäre genau der falsche Ansatz - wir wollen möglichst viele Zielgruppen ansprechen, um dann mit der Schnittmenge ein hohes Potenzial an Austausch zu erreichen.

Wie weit gelingt es euch, bei den Teilnehmer/innen einen Branchenmix zu erreichen?

Felix Wegener: Auf der Konferenz werden wir ein wenig mit dem Wort Spielefizierung…

… Gamification...

Felix Wegener: … jonglieren. Wir können ja aus dem Vollen schöpfen und den doppelten Transfer anbieten - den auf der Bühne und im direkten Austausch mit meinen jeweiligen Gesprächspartnern.

Darf man mit neuen Formaten rechnen?

Felix Wegener: Ja. Es wird, sagen wir mal: durchaus digitaler gedacht. Das allgegenwärtige Thema Storytelling spielt hier eine große Rolle.

Funktionieren die Formate dann auch?

Felix Wegener: Danke. Ich habe auf diese Frage gewartet - das wissen wir nicht. Auszuprobieren und Dinge einfach mal zu machen sind absolute Lieblingsbegrifflichkeiten in unserem Wortschatz. Daraus kann man und sollte man durchaus lernen und Schlüsse ziehen.

Cool in der Kreativ-Lounge: Robert Goldschmidt (links) und Felix Wegener

 

Wann seid ihr zufrieden mit der direttissima?

Felix Wegener: Tatsächlich sind wir das bereits. Es haben sich schon jetzt durch einige Rückmeldungen interessante neue Gespräche ergeben. Schon jetzt haben wir viele Ideen für die Konferenz, aber auch unsere tägliche Arbeit einsammeln und entwickeln können.

Robert Goldschmidt: Wichtig ist uns auch, dass die Teilnehmer der Konferenz neue Themen mitnehmen, sowohl für ihre Arbeit als auch für das tägliche Leben. Ziel ist ein langfristiger und somit nachhaltiger Einfluss.

 

Bilder: Raimund Verspohl

08. Februar 2016