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Management, Pubiz-Newsletter

Direttissima-Referent Christian Gries über Museen im digitalen Zeitalter

Deutsche Museen begreifen das Digitale als Konkurrenz

Nicht nur Verlage müssen sich stärker auf die digitale Gesellschaft einstellen. Gleiches gilt für Museen, die traditionsreichen Orte der Kontemplation und Beständigkeit. Welche Perspektiven digitaler Kommunikation gibt es für die Kultureinrichtungen? Ein Interview mit dem Kunsthistoriker und Medienexperten Christian Gries.  


Gries ist Referent der Konferenz Direttissima am 22. April in München. Der Ansatz der Tagung: Medien-Branchen zusammenbringen und das Rüstzeug für den beruflichen Alltag zur Verfügung stellen. buchreport und pubiz sind Medienpartner der Veranstaltung (Opens external link in new windowhier weitere Infos, Opens external link in new windowhier die Webseite der Konferenz).


Sind Museen in der digitalen Gesellschaft angekommen?
 

Christian Gries: Viele Museen sind in der digitalen Gesellschaft angekommen. Dies aber vor allem aber im Ausland, wo das Digitale von Politik, Unternehmen, Gesellschaft, Wissenschaft etc. einfach anders bewertet wird. Vielfach ist der Umgang mit dem Digitalen in eine (durchaus reflektierte) Selbstverständlichkeit gewachsen. Eine Gesellschaft wie in Deutschland, die „Probleme“ mit dem Digitalen hat (vgl. dazu die OECD-Studie „Government at a Glance 2015“) und sich bisweilen hartnäckig verweigert, macht es auch Kultureinrichtungen schwer auf entsprechende Paradigmenwechsel zu reagieren. Während Einrichtungen wie das Metropolitan Museum in New York bereits die „Post-Digital Area“ planen und das Digitale als eine Selbstverständlichkeit, als Mainstream, in die eigenen Strukturen integriert haben, haben wir bei uns in Deutschland vielfach noch nicht einmal die Eingangstür richtig geöffnet. Es ist frappierend, dass auch nach Jahren der Auseinandersetzung die Wahrnehmung für das Digitale gerne (und ausschließlich) im Konkurrenzgedanken zum Original verstanden wird.

Was sind die zentralen Herausforderungen? 

Es bewegt sich was am deutschen Horizont. Viele Unternehmen und Kultureinrichtungen haben verstanden, dass sie Kommunikation verändern müssen und eine Strategie brauchen um relevant, effektiv und effizient zu bleiben. Es geht um Professionalisierung, um neue Kompetenzen, Ressourcen und Bewertungsmuster. Der Digitalisierung kann man nicht mehr einfach aus dem Weg gehen. Auch Social-Media-Marketing ist mittlerweile unerlässlich und wächst immer mehr in das inhaltliche Angebot der Institutionen hinein. In der Definition, ganzheitlichen Wahrnehmung und professionellen Reaktion auf diese Anforderungen liegt die Herausforderung. 

Wo sehen Sie weitere Best practices?

Es werden immer mehr, im Ausland. Nach wie vor muss man auf die Tate, London, und das MET in New York sehen. Daneben gibt es aber auch viele kleinere Einrichtungen. In Deutschland bleibt das Städel ungebrochen an der Spitze, es folgen aber auch immer mehr andere Häuser und Städte. In letzter Zeit kommen viele tolle Impulse aus Hamburg. 

Wie wird der Museumsbesuch in zehn Jahren aussehen?

Machen wir lieber 20 Jahre draus? Die großen Museen werden verschiedene reale und digitale Erfahrungs- und Vermittlungsebenen haben. Ein Museumsbesuch wird nicht mehr zwangsläufig auch „nur“ den realen Besuch im Haus, sondern auch die virtuelle Begegnung mit einem Thema, Exponat oder Menschen aus dem entsprechenden Kontext bedeuten. Natürlich wird man die Museen wie gewohnt besuchen: wir werden weiterhin zur Aneignung von Wissen, zur persönlichen Kontemplation oder aus Begeisterung für das Original durch die stillen Hallen und Sammlungen strömen. Die Häuser werden aber auch eine digitale Infrastruktur besitzen, eine Meta-Ebene, über die wir vertiefende Informationen zu den Exponaten, zu den Geschichten der Sammlungen oder Ausstellungen abfragen und in einen Dialog mit den Institutionen treten können. Das Digitale weitet den Blick, wenn man mag. In den Museen werden wir aber auch viele Themen finden, die unsere eigene Kreativität anregen und befördern. Für den Umgang mit dieser Kreativität wird es ebenfalls Strukturen geben, die in der Vermittlung und Kommunikation beheimatet sind. Diese Erfahrungsebenen sind dann nicht mehr an einen Ort gebunden, – das Museum wird dann auch zur Plattform: ob wir in der Sammlungen stöbern, Online-Kurse zur Kunstgeschichte absolvieren, virtuellen Führungen lauschen oder selber aktiv werden.

12. März 2016