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Management, Pubiz-Newsletter

Wirtschaft. Eine Kolumne.

Was die ältesten Unternehmen der Welt besonders gut können

Von Michael Lemster

Nicht jeder Unternehmung ist ein langes Leben beschieden. Von 100 Start-ups überleben schätzungsweise 80 die ersten drei Jahre nicht. Die Verlagsindustrie ist für ihre Langlebigkeit bekannt. Aber es gibt Industrien, die die Verlage locker abhängen.

 

Natürlich: Auch in der Medienwirtschaft gibt es kurzlebige Aktivitäten jede Menge. Schlechte Finanzierung ist ein Grund, aber nicht der einzige. Andere Gründe sind die Preisbindung und die weitgehenden Listungsgarantien, die der Großhandel den Verlagen gibt: Neue Markenartikel müssen sich so in einem wesentlich härteren Wettbewerbsumfeld durchsetzen.

 

Muntere Oldies zuhauf

Doch es gibt eben auch die Gegenbeispiele, auf die die Medienbranche zu Recht stolz ist. Der älteste bekannte Verlag der Welt etwa, die Schwabe AG, blickt auf 530 Jahre seines Bestehens zurück. In seinem Basler Konferenzraum stehen hinter Glas die Werke des Heiligen Augustinus aus dem späten 15. Jahrhundert. Lektor war Erasmus von Rotterdam, humanistischer Publizist und Autor unter anderem des „Lobs der Torheit“. Zu diesem Methusalem gesellen sich im deutschen Sprachraum Dutzende sehr rege Buchhandels- und Verlags- „Senioren“, die ihre Geschichte aus dem 18. und aus noch früheren Jahrhunderten herleiten, unter ihnen

  • Holzhausen (seit 1578)
  • Schmidt-Römhild (seit 1579)
  • Verlag Anton Pustet (seit 1592)
  • Stämpfli (seit 1599)
  • Frommann-Holzboog (seit 1727).

Diese Aufstellung ist längst nicht erschöpfend. Und auch das Ausland hat einiges zu bieten, darunter – überraschend nur auf den ersten Blick – das Land der Aufgehenden Sonne. Jesuiten brachten im 16. Jahrhundert die ersten Pressen für den Druck mit beweglichen Typen nach Japan, und Shogun Toyotomi Hideyoshi klaute sich einfach welche bei seinem desaströsen Koreafeldzug 1592 – übrigens das Gründungsjahr der Buchhandlung Höllrigl am Salzburger Universitätsplatz.

Aber viel erfolgreicher wandten die Japaner ein ganz anderes Format an – sie schnitten Texte und Bilder in Holzplatten und pressten den „Satz“ im Handdruckverfahren auf Reispapier. Dieses an das Deutschland der Dürerzeit erinnernde Verfahren rollten sie systematisch aus und erzielten dadurch eine hohe Produktivität. Diese Produktivität liegt bekanntlich nicht nur in der Produktion, sondern in der kompletten Strecke bis hin zur erfolgreichen Distribution – etwas, das nicht zuletzt deutsche Presse- und Buchverlage aus leidvoller (Remissions-)Erfahrung zur Genüge wissen.

 

Anders ist nicht notwendig verkehrt

In Sachen Distribution konnte dem Japan der Tokugawa-Zeit (1603–1867) kaum einer etwas vormachen: die Handelswege waren exzellent ausgebaut und sicher, das Transportwesen florierte, und eine wohlhabende Adels- und Kaufmannsschicht war dankbarer Abnehmer der Blockdruck-Bücher zahlreicher Verlage. Nebeneffekt des japanischen „Formfaktors“ Holzschnitt statt Typensatz: die Kluft zwischen Text und Bild entstand gar nicht erst und musste nicht mühsam überbrückt werden mit Kupferplatten, Klischees und Lithomontage. Frucht dieser Zusammenschau ist zum Beispiel der Manga. Einer der Erfinder ist der im Westen meistgeltende Maler Japans, Katsushika Hokusai (1760 bis 1849). Aus der frühen japanischen Medienindustrie stammen auch:

  • Nagata Bunshodo (seit 1596)
  • Heirakuji (ebenfalls seit 1596).

Wer nun aber meint, Verlage seien die älteste Industrie schlechthin, der täuscht sich gewaltig. Um an die Wurzeln der vitalsten und langlebigsten Industrien zu gehen, müssen wir uns nicht weit von den Druckereien Edos und Osakas wegbegeben.

 

Wo Menschen und Unternehmen wirklich alt werden

Auch von anderen Branchen finden wir die ältesten Spuren in Japan. Das älteste heute noch bestehende Unternehmen ist in der 52. Generation in der Hand derselben Familie, liegt in Yamanashi und heißt Nishiyama Onsen Keikuminkan. Gewerbe: Hotellerie. Gründungsjahr: 705. Schon damals legten sich japanische Reisende im Schatten majestätischer Zweitausender und des Fast-Viertausenders Fujiyama behaglich in die heißen Quellen des Ryokan (Landgasthauses), das etwa so viel heißt wie „Keikuminkans heiße Quellen in Nishiyama“. Heute kann Herr Keikuminkan dafür 310,- Euro pro Zimmer verlangen.

Auf Rang 2 und 3 der ältesten Unternehmen folgen – siehe da – weitere japanische Hotels, zumindest wenn man Wikipedia glaubt. Nummer 3 ist übrigens auch das älteste mit einem Wikipedia-Artikel ausgezeichnete Unternehmen.

 

Was Beständigkeit schenkt

Die Hotellerie ist aber nur der Anfang. Auch die weiteren ältesten Unternehmen der Welt bringt einem zu dem Schluss: die beständigsten Industrien sind solche, die die (Grund)bedürfnisse der Menschen auf gehobenem Niveau befriedigen, allen voran

  • Essen, Trinken und Schlafen: Brauereien, Brennereien, Weinbaubetriebe, Mühlen und Wirtshäuser sind reichlich vertreten.
  • Religion: Von Tempeln über Räucherwerk bis zu Glocken, hergestellt u.a. durch die 1000 gegründete italienische Gießerei Pontificia Fonderia Marinelli, – sie alle sind teils seit Jahrtausenden gefragt.

Der älteste papierverarbeitende Betrieb existiert seit 771 – natürlich in Japan. Ein weiterer Meilenstein der holzverarbeitenden Industrie kommt aus Österreich und ist das 1074 gegründete Benediktinerstift Admont. Heute versorgt das Stift auch umliegende Gemeinden mit Strom aus seinen Kraftwerken. In der Liste der ältesten Unternehmen findet sich übrigens auch ein Name, den viele Verlagsmenschen sicher schon am Arbeitsplatz gehört haben: der finnische Papierhersteller StoraEnso, gegründet 1288.

Welchen Praxisnutzen man aus diesen Beobachtungen ziehen kann? Jede Branche sollte sich, um ihre Beständigkeit sicherzustellen, immer wieder  bewusst machen: Erfolg heißt, die Grundbedürfnisse der Menschen zu erkennen und sie auf gehobenem Niveau zu befriedigen. Seit 705 scheint das ganz gut zu funktionieren – ein bisschen Glück gehört aber sicherlich auch dazu, damit auch etwaige Torheiten keine fatalen Folgen haben.

31. August 2018