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Der kleine Typo-Lifehack

Die SS aus den Versalien vertreiben

Von Michael Lemster

Seit dem 27. Juni 2017 gibt es eine gesetzliche Lösung für ein Problem, das viele Ausländer als typisch deutsch ansehen – zu Recht. Es geht um einen typisch deutschen Buchstaben und gleichzeitig den einzigen Buchstaben des deutschen Alphabets, der bislang abseits der Phantasie der Schriftkünstler und de jure nur als Kleinbuchstabe vorlag: das ß.

 

Wie es überhaupt zum „ß“ kam? Wieder ein deutscher Sonderweg. Die schnörkeligen deutschen Druck- und Schreibnormen der frühen Neuzeit und des Barock sahen zahlreiche „Ligaturen“ vor – typographische Zusammenziehungen von Zeichen für häufige Buchstaben-Kombinationen. Ein Schriftsetzer, der für „fi“, „ft“ oder eben „ss“ nur einmal statt zweimal in den Setzkasten zu greifen hatte, arbeitete schneller.

So entstand für das „scharfe s“ (das mit dem mittlerweile aus dem Kanon verabschiedete Doppel-S von „Nuss“ oder „Hass“ nicht zu verwechseln ist, die Ligatur aus „s“ und „z“. In Frakturschriften oder in der älteren Zeitgenossen noch in quälender Unterrichts-Erinnerung eingepflockten „Sütterlinschrift“ aus dem Schönschreib-Unterricht ist das gut erkennbar – im heutigen Antiqua-Satz nicht mehr.

Da das scharfe „s“ am Wortanfang nie vorkam und Versalien in der früheren Typographie als Auszeichnung unüblich waren, bestand keine industrielle Notwendigkeit, einen Großbuchstaben dafür zu entwickeln und in den Satzschriften vorzuhalten.

Erst mit dem „anything goes“ des PC-Zeitalters kam das deutsche Sonderproblem aufs Tapet. Amateur-Typographen behalfen sich damit, das kleine „ß“ zwischen die Großbuchstaben zu mogeln. Abgesehen davon, dass dieser Zwerg zwischen seinen großen Brüdern als Fremdkörper herausstach, war dieses Vorgehen unergonomisch, da es die wiederholte Betätigung der Feststelltaste bedingt.

Nun wurde also mit wiederum deutscher Gründlichkeit die „große Lösung“ Gesetz. Doch wie sie im Alltag realisieren? Herkömmliche Tastaturen haben die „ß“-Taste auch mit dem definitiv unverzichtbaren Fragezeichen belegt. Nur die sogenannten T2-Tastaturen kennen das große ß.

Das große ẞ – so wird's gemacht

Wie also die SS aus den Versalien vertreiben? Unter Windows sehr einfach: „Alt Gr“ und „Shift“ gleichzeitig festhalten und „ß“ drücken. Es lässt sich zwar in einen flotten Schreibfluss nur schwierig integrieren und verlangt vor allem von kleinen Händen eine gewisse Akrobatik, aber es geht, wie sich leicht beweisen lässt:

                ẞ ß ẞ ß ẞ ß ẞ ß ẞ ß ẞ

Funktioniert zum Beispiel im Webbrowser und in den Office-Standard-Anwendungen.

Wie der altdeutsche Beckmesser könnte man nun krittelig einwenden, dass das große ß kleiner wirkt als das kleine. Aber dann sind wir doch auch wieder deutsch genug, auch bedingt sinnvollen Anweisungen zu folgen, sofern sie von oben kommen. Das hat sich zwischendurch immer wieder bitter gerächt – so 1933 bis 1945. Da haben uns die Antiqua-Staaten Frankreich, England und die USA geholfen, die SS und andere Monstrositäten zu vertreiben. Unsere Versal-SS ist gottseidank harmloser – genau so harmlos wie das große ẞ. Lassen wir sie vielleicht am besten mal mit echt romanischer Toleranz Seite an Seite bestehen – und üben wir unsere Hände in Typo-Gymnastik.

Noch ein wenig bekannter »Fun Fact«

Viele verbinden die gebrochenen „deutschen“ Schriften mit der erwähnten Epoche, als die SS noch ein wirkliches Problem war. Sie kennen die Fraktur aus den alten, schwer lesbaren Büchern ihrer Großeltern, die oft aus dieser Zeit stammen. Tatsächlich waren die Nazis Feinde der als „jüdisch“ denunzierten Frakturschriften und hätten die deutsche Medienproduktion am liebsten auf Antiqua umgestellt.

Dies scheiterte im wesentlichen an der Beharrlichkeit der deutschen Satzbetriebe, und dann war es den Nazis auch wieder nicht wichtig genug – man hatte ja Wunderwaffen für den Endsieg zu erfinden.

Danke, Schriftsetzer! Man muss nicht alles mitmachen, was modern ist. Und nicht alles, was modern ist, ist eine Innovation.

 

 

13. Juli 2017