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Redaktion/Lektorat, Menschen, Pubiz-Newsletter

Im pubizInterview: Lektorin Corina Alt

»Eine qualifizierte und individuelle Dienstleistung«

Texte brauchen Lektorat. Profis wissen: Das Vier-Augen-Prinzip ist unerlässlich für meisterhafte Texte – auch im Verlag. Die Spezialarbeit von Klärung, Straffung, Strukturierung, Standardisierung, Formgebung und nicht zuletzt Faktenprüfung liegt dabei meist in den Händen freier Lektoren. Oft sind sie neben den Autoren die besten Kenner von deren Büchern. Der Lektorenberuf muss immer wieder hart um seine Anerkennung im Mediengeschäft kämpfen. Um erfolgreicher zu agieren, gründeten Lektoren im Jahr 2000 den Verband der Freien Lektorinnen und Lektoren (VFLL). Am 8. September 2017 beginnen in Berlin die 16. Lektorentage des VFLL. Im pubizInterview wirft Corina Alt einen Blick auf den Lektorenberuf.

 

Verlage profitieren davon, wenn sie Freelancer oder Angestellte beschäftigen, die im Bereich Textarbeit gut ausgebildet sind. Das gilt insbesondere für den Medienbereich, da Berufe wie Journalist oder Lektor nicht geschützt sind - jeder, der will, kann sich so nennen - und es wenige bis gar keine geregelte Ausbildung für diese Bereiche gibt. Der VFLL versteht sich auch als Institution zur Qualitätssicherung im editorischen Prozess und bildet seine Mitglieder fort – zum Beispiel auf den regelmäßig stattfindenden Lektorentagen. Für den VFLL erklärt Corina Alt, Inhaberin von Publicate, warum sie ihren Kunden in den Verlagen auf Augenhöhe begegnen kann.

 

Wie hoch ist der Frauenanteil im Bereich freiberuflicher Lektorats- und Redaktionsmitarbeiter?

Sehr hoch: Im Lektorenverband liegt der Frauenanteil bei rund 80 %, bei den in der Künstlersozialkasse versicherten Lektoren sind es etwa 75 %.

Ist dies der Grund, warum die Einkünfte freier Lektoren und Redakteure im Durchschnitt so überschaubar sind?

Es scheint so zu sein, dass in Branchen, in denen überwiegend Frauen arbeiten, das Lohnniveau insgesamt niedriger ist. Außerdem ist die Zahl der freien Lektorinnen und Lektoren in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Meiner Meinung nach ist Lektor nun ein klassischer freier Beruf. Einige arbeiten wohl nicht hauptberuflich, müssen also nicht von ihrer Tätigkeit als Lektor leben. Das hat natürlich auch Einfluss auf die Preise. Lektor ist zudem keine geschützte Berufsbezeichnung. Das Spektrum reicht vom Germanistikstudenten bis zur gestandenen professionellen Lektorin mit 40 Jahren Berufserfahrung. Im freien Markt findet sich wohl immer jemand, der die Arbeit auch für weniger Geld macht.

Nehmen Sie einen Unterschied in der Bezahlung weiblicher und männlicher Freelancer wahr?

Eigentlich nicht. Die Verlage bieten zumeist feste Seitenpreise an. Da muss man als Freelancer schauen, ob man damit hinkommt, und auch mal Nein sagen. Das ist eine unternehmerische Entscheidung. 

Die reinen Fakten zeigen aber deutliche Einkommensunterschiede. Laut der Studie des Deutschen Kulturrates „Frauen in Kultur und Medien“ von 2016 betrug der Einkommensunterschied zwischen Lektoren und Lektorinnen im Jahr 2014 18 %. Die Studie wertete das Jahreseinkommen der in der Künstlersozialkasse versicherten Lektoren aus. Wie viele Stunden dafür gearbeitet wurde, geht aus den Zahlen nicht hervor. Es könnte also sein, dass Frauen – auch aufgrund familiärer Verpflichtungen – schlicht weniger arbeiten als Männer.

Liegt es allein am Auftreten, wie viel ein Freelancer im Verlag verdient?

Das würde ich nicht sagen. Man muss schon Argumente (fachliche Qualifikation, Erfahrung) haben, wenn man mehr will als den angebotenen Seitenpreis. Der Verlagslektor muss das ja auch intern vertreten können. Und manchmal gibt es auch Buch- oder Zeitschriftenprojekte, bei denen das Budget für Lektorat etwas höher ist.

Freelancer kuschen, Lektorate sparen. Da ist doch die Welt der Verlage in Ordnung, oder?

Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, die einzelnen Projekte müssen sich rechnen. Und dasselbe gilt für uns als Solo-Selbstständige natürlich auch. 

Der große Vorteil von Verlagsprojekten ist ihr Umfang und bei Zeitschriften auch ihre Regelmäßigkeit. Da entfällt ein Großteil des administrativen Aufwands, wie Akquise, Angebote und Rechnungen schreiben. Bei kleinen Aufträgen ist der viel höher und schmälert dann häufig auch den Stundensatz. Verlagsaufträge bieten eine Grundauslastung, die für Freelancer sehr wichtig ist. Darüber hinaus kann man dann andere, auch besser bezahlte Aufträge annehmen. Eine klassische Mischkalkulation.

Beim Thema Honorare ist es äußerst wichtig, sich zu vernetzen und sich mit anderen darüber auszutauschen. In unserem Berufsverband VFLL sprechen wir sehr offen über das Thema Honorare und bestärken uns auch gegenseitig. So habe ich zum Beispiel eine klare Untergrenze definiert. Für einen niedrigeren Stundensatz arbeite ich nicht, da es schlicht nicht wirtschaftlich ist. Und wenn ich sehe, dass eine Kollegin einen Auftrag für einen guten Stundensatz bekommen hat, dann getraue ich mich auch eher, mal höher anzubieten.

Gibt es neben den Honoraren noch andere wichtige Punkte, die Freelancer/innen durchsetzen wollen, aber nicht gut können?

Wichtig ist zu vermitteln, dass es sich beim Lektorat um eine qualifizierte und individuelle Dienstleistung handelt. Alle Lektorinnen und Lektoren sind studiert, viele haben sogar promoviert. Das ist ein unglaublicher Wissenspool, der weit über die sprachliche Arbeit hinausgeht. Nur wenn klar ist, was ein Lektor alles leistet, können auch entsprechende Honorare erzielt werden. Dafür ist der Lektorenverband sehr wichtig, da er mehr Aufmerksamkeit bekommt als eine Einzelperson.

Wie sinnvoll es ist, sich als Freelancer einem Netzwerk anzuschließen, zeigt zum Beispiel auch die Kampagne des Verbands der Gründer und Selbstständigen Deutschlands, der sich für eine einkommensabhängige Festsetzung der Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung für Selbstständige einsetzt. Gesetzlich versicherte Selbstständige müssen hohe Mindestbeiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung bezahlen, da von einem fiktiven monatlichen Einkommen von 2.231,25 Euro ausgegangen wird. Die Ausgaben für Kranken- und Pflegeversicherung erreichen so teilweise mehr als 40 Prozent ihres Einkommens, das betrifft vor allem Frauen und Teilzeit-Selbstständige.

Was sind Ihre Empfehlungen für das Powerplay in „heiligen Lektoratshallen“?

Für mich ist Lektorat eine qualifizierte und persönliche Dienstleistung, nicht mehr und nicht weniger. Aber eine, mit der man viel erreichen kann, um Texte auch jenseits des Verlagskontextes besser, klarer und verständlicher zu machen. Der Bedarf ist riesig – aber nicht jeder Kunde sieht die Notwendigkeit für ein Lektorat und ist bereit, dafür zu zahlen. Es ist also wichtig, Kunden zu finden, die wissen, was ein Lektorat leistet, und dafür auch Geld ausgeben. Dann ergeben sich langfristige Kundenbeziehungen, die eine Freiberuflichkeit tragen.

Sich ein klares Profil zuzulegen ist meiner Erfahrung nach auch sehr wichtig. Dann wird man für den Kunden besser greifbar und man hebt sich von den Kolleginnen und Kollegen ab. 

Außerdem hat sich für mich ausgezahlt, dass ich mich von Anfang an mit anderen Kolleginnen und Kollegen vernetzt habe. So kann ich auch umfangreichere Projekte annehmen. Über die Jahre lernt man das Profil der Kolleginnen und Kollegen immer besser kennen und kann bei Anfragen, die man selber nicht übernehmen kann, sich auch gegenseitig empfehlen. Und im Urlaub und bei Krankheit gibt es immer jemanden, der einen vertreten kann. Das kommt auch bei den Kunden sehr gut an. 

Können auch Männer diese anwenden, oder gibt es einen spezifischen „Ladies’ Way“?

Eine spezifisch weibliche Herangehensweise oder Erfolgsformel gibt es meiner Meinung nach nicht. Als Freelancer ist man ein Unternehmer. Und das erfordert viel Klarheit, Standfestigkeit und Durchhaltevermögen, von Frauen wie Männern.

 

Corina Alt, Gründerin des Berliner Textbüros Publicate, studierte Russisch, Politikwissenschaft und Deutsch in Mainz, St. Petersburg und Berlin. Danach arbeitete sie vier Jahre lang als Projektleiterin bei einem Berliner Wirtschaftsverlag. Seit 2004 ist Corina Alt freiberuflich als Lektorin, Autorin und Übersetzerin tätig. Für Verlage lektoriert sie Sach- und Fachbücher sowie Zeitschriften aus den Bereichen Wirtschaft und Politik. Zudem bearbeitet sie Werbe- und PR-Texte sowie Studien für Agenturen, Unternehmen und Verbände.

(ML)

 

Foto: Opens external link in new windowPixabay.

04. September 2017