Praxisbeitrag

Buchtipps vor der Kamera erreichen junge Leser

Erst waren die Blogger, dann die Booktuber. Youtube ist ihr Kanal. Ihre Buchbesprechungen finden vor der Linse statt und erreichen junge Leser. Verlage sollten die Multiplikatoren der Unterhaltungsliteratur im Blick behalten.

Viele Verlage haben Blogger längst als Multiplikatoren für sich entdeckt. Auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig finden jährlich Bloggertreffen statt. Auf der Leipziger Buchmesse 2016  trafen sich Blogger und Verlage zum Austausch bei der ersten Bloggerkonferenz „Buchmesse: Blogger Sessions 16“ und in der „Bloggerlounge“. Im Juni folgte dann die erste LitBlog Convention in Köln, organisiert von Kölner Verlagen.

Booktuber, die Bücher audiovisuell vorstellen, sind ein neueres Phänomen, das schon deshalb für Verlage interessant ist, weil sie oft eine jüngere Zielgruppe erreichen, für die Youtube das Unterhaltungs- und Infomedium ist. Youtuber prägen ein neues Medien-Genre: Für nahezu jeden Lebensbereich gibt es Tipps, Tricks, Anleitungen und Empfehlungen. Von Comedy über Beauty-Tipps bis zur Handy-Reparatur – nichts, was nicht auf Youtube zu finden wäre. Auch Bücher haben es längst in die Kanäle geschafft und ein eigenes Subgenre begründet: In Booktubes stellen Booktuber ihre Errungenschaften vor, bewerten Lektüre und treten in den Dialog mit Zuschauern. Sie erreichen damit Zielgruppen, die fernab des Literaturfeuilletons liegen und werden besonders für Publikumsverlage interessant:

  • Booktuberin Sara Bow wirbt etwa als Patin für das Verlags-Schreibportal Oetinger34. Bow gibt inzwischen auch Bloggerseminare an Hochschulen und in Unternehmen und beschäftigt sogar mehrere Mitarbeiter.
  • Egmont hat für ein Schreibfest des Lyx Storyboard Mona Kasten (Peachgalore) in der Jury.
  • Das Verlagshaus Random House hat vor einem Jahr auf Initiative der Presseabteilungen der Verlagsmarken ein eigenes Bloggerportal eingerichtet. Hier können Blogger und Tuber Rezensionsexemplare anfordern und Besprechungen einstellen.

Das Portal werde sehr gut angenommen, sagt Unternehmenssprecherin Claudia Limmer: „Blogger freuen sich, dass sie an dieser Stelle ernst genommen werden und Verlage ihre Begeisterung für Bücher schätzen.“ Die einzelnen Verlage pflegten aber auch weiterhin individuelle Kontakte.

Bastei Lübbe führt ebenfalls eine Blogger-Datenbank, die insgesamt über 500 Kontakte, davon 50 Booktuber, enthält – Tendenz steigend, berichtet Tina Pfeifer, zuständig für die Online-PR. Noch zieht der Verlag – wie die meisten – keine Grenze zwischen Buchbloggern und Booktubern. Beide seien in ihrer Bedeutung als Multiplikatoren inzwischen aber Journalisten gleichgestellt.

Auch wenn Booktubes gemeinhin lediglich als anderer Ausspielkanal von Bloginhalten gesehen werden, gibt es Unterschiede und Besonderheiten.

Der Booktube – Profil eines Genres

Andrea Koßmann startete 2009 als eine der Ersten in Deutschland ihren Bücherkanal „Kossis Welt“. Zuvor bloggte sie bereits seit 2006 auf ihrer eigenen Website. Viele der Rezensenten betreiben Blogs und Book­tubes nebeneinander. Inzwischen hat Koßmann über 500 Videos gedreht, die Hälfte davon handelt von Büchern. Der Zulauf sei im Vergleich zum Blog inzwischen bei Youtube deutlich größer, berichtet sie.

Koßmann liegt mit ihren 46 Jahren eher über dem Durchschnittsalter der Booktuber. Diese sind meist unter 30, weiblich und lesen und besprechen vor allem Bücher aus den Genres Fantasy, Romantik und Krimi. Auch Lübbe-Online-Betreuerin Pfeifer konstatiert, dass sowohl Buchblogger als auch Booktuber vor allem All-Age-, Jugendbuch-, Fantasy- und Thriller-Titel anfragen.

Ein entscheidender Punkt: Auf Youtube wird vor allem Unterhaltungsliteratur besprochen, die im Feuilleton nicht vorkommt. Koßmann: „Die Videos sind unterhaltsamer, manchmal lustig, aber auch traurig. Ich fülle meinen Kanal eben mit Leben. Die Sache lebt viel mehr durch Emotionalität statt durch reine Druckerschwärze. Ich habe eine ganz andere Zielgruppe als das Feuilleton.“

Es gebe bestimmte Genres, für die Blogger und Booktuber, die ja aus der Zielgruppe der Leser kommen, relevant sind, weil sie ihre Begeisterung authentisch weitergeben, weiß auch Random House-Sprecherin Claudia Limmer. „Gleichzeitig gibt es die Bücher, für die es wichtig ist, dass sie im Feuilleton besprochen werden.“ Aus Verlagssicht stellen sich folgende PR-Fragen:

  • Welcher Kanal ist für welches Buch und welches Thema relevant?
  • Was liest die Zielgruppe?
  • Wie erreicht man die Zielgruppe?
  • Wo beschäftigt sie sich online?
  • Wie spricht man die Zielgruppe an?
Eine Frage des Contents

Bücher sind natürlich nur eines von vielen Themen auf den Youtube-Kanälen. Die meisten Klicks ernten Beauty-Videos und Video-Tagebücher, die „Vlogs“ (zum Vokabular s. Kasten am Ende des Artikels).

Es ist gerade das Persönliche, was die Booktubes ausmacht und von herkömmlicher Literaturkritik unterscheidet. Statt philologisch geschulter Analyse zählen Emotionen. Die Erfahrungsberichte und Geschichten wirken dadurch authentisch, die Empfehlungen der Tuber haben für die Zuschauer eine hohe Glaubwürdigkeit. Schnell entsteht ein Vertrauensverhältnis, sodass Einschätzungen, Ratschläge und Urteile ein hohes Einflusspotenzial haben. Ideale Voraussetzungen für Influencer-Marketing.

Der klare Vorteil Youtubes ist, dass es sich um ein mündliches Genre handelt, welches viel direkter in der Ansprache ist, als schriftliche Besprechungen es sein können. „Begeisterung wird über das Bewegbild, über Gestik und Mimik am besten transportiert“, meint auch Tina Pfeifer.

Die Zielgruppe

Booktubes erreichen damit auch buchferne Zielgruppen: „Mir haben schon öfter Leute geschrieben ?ich lese eigentlich gar keine Bücher, aber nachdem ich deinen Buchtipp gesehen habe, musste ich sofort in den Laden rennen und mir das Buch kaufen. Jetzt bin ich total angefixt und mein Wunschzettel wächst stetig“, erzählt Koßmann.

Booktuber richten sich in erster Linie an ihresgleichen. Die meisten der Zuschauer sind weiblich, viele sehr jung, oft um die 14 bis 15 Jahre alt, aber auch 25-jährige und 60-jährige schauen zu. Koßmann: „Ich glaube zwar nicht, dass wir jedes Kind von der Spielkonsole oder vom Handy wegkriegen und zur Leseratte machen können, aber wenn von zehn Kindern eins liest, habe ich mein Ziel doch schon erreicht.“

Verlage und Youtuber

Booktube funktioniert vor allem durch die Vernetzung der Szene: Über Youtube, Facebook und Twitter werden Videos geteilt und sprechen sich wie Mundpropaganda herum.

Wo Booktuber und Zuschauer sich aufhalten, ist für die Ansprache seitens der Verlage wichtig: Mit bestimmten Hashtags ließen sich gut Themen anstoßen und diskutieren, meint Limmer. „Da muss man Augen und Ohren offen halten und mitbekommen, wo gerade etwas stattfindet, das für uns interessant ist. Können wir uns an den Gesprächen beteiligen und an dieser Stelle etwas für unsere Autoren und Bücher tun?“ Für Social Media gelte generell: Zuhören, zuschauen, mitmachen.

Welcher Booktuber sich als Multiplikator eignet, ist für Verlage nicht immer leicht ersichtlich. „Reichweite ist für uns nicht das alleinige Kriterium. Es geht vor allem um Einsatz und Begeisterung. Wer hat wirklich Interesse? Welcher Blog ist wie aufgebaut und wo ist ein gutes Konzept dahinter? Wo hat man das Gefühl, da beschäftigt sich jemand wirklich mit dem Inhalt?“, so Limmer.

Koßmann beobachtet dagegen, dass Verlage bei Werbepatenschaften vor allem auf Reichweite achten: „Einige Verlage sollten sich bei Werbevideos mit ?großen You­tubern? meiner Meinung nach eher an der Zielgruppe des jeweiligen Kanals orientieren, als an der Reichweite, denn dass auch wirklich der Großteil der Zuschauer, denen dort ein Buch präsentiert wird, dann wirklich in den Buchladen geht oder das Buch online bestellt, wage ich zu bezweifeln.“

Das Engagement der Booktuber speist sich nicht mehr nur aus der persönlichen Freude an Aufmerksamkeit. Für einige ist der Tube zum Geschäftsmodell geworden. Unter die Videos setzen sie Affiliate-Links zu Amazon und erhalten kleine Provisionen für Buchverkäufe, die über sie generiert werden. Einige der Youtuber sind inzwischen unter die Autoren gegangen. Auch Andrea Koßmann hat 2010 ihren Roman „Männertaxi“ bei Droemer Knaur veröffentlicht. Aktuell liegt mit „Reading Notes“ ein Eintragbuch von ihr in drei Ausführungen im Thiele Verlag vor.

Die Verlage müssen im Einzelfall herausfinden für welche Genres, Bücher und Themen Booktuber Relevanz haben und welche Youtuber sich als Autoren eignen.

Hanna Schönberg  schoenberg@buchreport.de

 

 

Booktuber im Porträt: Ob Kossi, Peachgalore oder Laura Laqu, die Bandbreite an Book­tubes reicht weit und unterscheidet sich individuell. Allen gemeinsam ist die Liebe zum Buch, die sie ihren Zuschauern über Youtube vermitteln wollen.

Weitere Booktuber

  • Glimmerfee
  • Letters from Juliet
  • Wonderland Books
  • ChocolatPony
  • Buchling Janine
  • CocuriRuby
  • evlolle Bücher
  • LucieRedHead
  • Goldschrift
  • isoke
  • JerriesBlog
  • Sarah Janina
  • SteffisBuchschnack
  • Papiertourist
  • MsBuchnerd
  • The Empire of Books
  • TheBookLook
  • bibliofee
  • Bücher Keks

Auswahl, ohne Rangfolge

Booktuber-Vokabular

Booktube hat seine eigenen Codes, anhand derer man im Titel bereits erkennen kann, was mit den Büchern im Video geschehen soll. Mithilfe der Stichworte lassen sich zudem viele Booktubes finden.

  • Buchtipp/Rezension/Booktalk: Klassische Buchempfehlung
  • Lesemonat/Wrap up: Präsentation gelesener Bücher
  • Bookhaul/Bücherhaul: Präsentation der letzten Buchkäufe
  • Unboxing: Booktuber packt live eingetroffenes Bücherpaket aus
  • Bookshelf tour/Mein Bücherregal: Booktuber präsentiert Bücherregal
  • Lesemarathon: So viele Bücher wie möglich in bestimmter Zeit lesen
  • Tag: Stichwörter und Fragen, zu denen Booktuber Bücher vorstellt
  • Opposite Tag: Zuschauer geben dem Booktuber Stichwörter
  • Bookcircle: Bücher werden im Vorfeld in Social Media angekündigt und dann gemeinsam bei Youtube besprochen
  • Vlog: Sammelpost über Alltag & Co.
  • To be read: Bücher, die noch darauf warten, gelesen zu werden