Praxisbeitrag

Leseförderungsimpulse brauchen Zeit und Plan

Die Leseförderung gilt als gesellschaftliche Zukunftsaufgabe. Für die Buchbranche soll sie zugleich die wirtschaftliche Grundlage sichern. Im Zentrum steht die Arbeit mit Kindern. Dafür gibt es zahlreiche Ansätze.

Die Freude, ein Buch nach Hause zu tragen, die vermittelt Irmgard Clausen seit 28 Jahren ganz besonders den jüngsten unter den Lesern. Und ab diesem Jahr geht die Buchhändlerin ihrer Herzenssache mit noch mehr Schwung nach: Leseförderung als Hauptberuf.

Ihre Buchhandlung Riemann in Coburg hatte Irmgard Clausen (61) zum Jahreswechsel an ihre langjährige Mitarbeiterin Martina Riegert (47) übergeben. Clausen, die auch Vorsitzende der AG Leseförderung im Börsenverein ist, hat sich jetzt mit der Agentur für Lesevergnügen selbstständig gemacht. Mit dem Ziel Vermittlung und Durchführung von Veranstaltungen, Autorenlesungen und Lesefördermaßnahmen ist sie in ihrem Element: „Es sind wirklich tolle Begegnungen und Erlebnisse, die prägend sind für alle Beteiligten.“

Dass Leseförderung nicht nur Freude bereitet, sondern in vielerlei Hinsicht gewinnbringend ist, davon ist Irmgard Clausen überzeugt und listet auf:

  • Nachwuchsförderung: Den Kindern zeigen, dass lesen Spaß macht, mit langfris­tiger Perspektive. Wer gern liest, kauft auch gern Bücher.
  • Kundenbindung: Leseförderung schafft den direkten Kontakt zu den Eltern als kaufende Kunden und ist eine vertrauensbildende Maßnahme.
  • Profilierung: Aktive Buchhandlungen gewinnen Sympathie und Profil und könnten sich mit ausgefallenen Aktionen ein Alleinstellungsmerkmal schaffen.
  • Umsatz: Leseförderung wirkt eher mittel- und langfristig. Sie generiert nur teilweise unmittelbaren Umsatz, etwa durch einen Büchertisch bei Lesungen.

 

Sich gegen die Konkurrenz behaupten

Inzwischen hat auch Amazon erkannt, dass Leseförderung sympathisch macht und mittelbar Umsätze generiert. Mit seiner Aktion „Lesen macht Spaß“ hat das Unternehmen Anfang des Jahres einen Schreibwettbewerb durchgeführt, bei dem Schulklassen Kindle-Reader und Buchgutscheine gewinnen konnten.

Die Kernkompetenz im Bereich Leseförderung liegt allerdings weiterhin beim stationären Buchhandel, der im wörtlichen Sinne näher an den Lesern ist und tatsächliche Lese- und Buchstöber-Erlebnisse kreieren kann. Buchhandlungen bräuchten allerdings zwingend ein Konzept, um erfolgreiche Leseförderung zu betreiben, die nachhaltig wirke, sieht Clausen entsprechend eine Perspektive für ihr neues Beratungsgeschäftsfeld. Mit ihrer Agentur will sie ihre über viele Jahre erworbene Erfahrung weitergeben: „Ich möchte andere Buchhandlungen gern coachen. Kommen, gucken und erfassen, was Wünsche und Ziele sind und anschließend gemeinsam einen Plan, ein Konzept entwerfen.“ Entscheidend sei, was zur jeweiligen Buchhandlung passe: „So lässt sich nach meiner Erfahrung langfristiger Erfolg sichern und man gibt nicht nur Geld aus.“

 

Handreichungen nutzen
Beim Hohenheimer Lesefest wurden Bücher im vergangenen Jahr zum Bastelobjekt. Das Lesefest, das im dreijährigen Turmus stattfindet. soll Ende Mai 2017 das nächste Mal starten (Foto: Lesefest Hochheim).

Grundsätzlich herrscht an Ideen kein Mangel, über den alljährlich zentral vom Börsenverein und der Stiftung Lesen initiierten Welttag des Buches (23. April) hinaus nachhaltige Leseförderung zu betreiben. Individuelle Formate und Erfahrungen anderer Buchhandlungen können aber unterstützend wirken. Beispiele bieten die Infokästen am Ende des Textes, die buchreport in Zusammenarbeit mit Irmgard Clausen und einer Reihe von Buchhandlungen kompiliert hat.

Ein wichtiger Ansatz ist die Zusammenarbeit mit Lehrern und Schulen. So hat Clausen jüngst ganze Lesereisen mit den Autoren Margit Auer („Die Schule der magischen Tiere“, Carlsen) und Frank Reifenberg (Ravensburger und arsEdition) organisiert. Margit Auer ist bereits eine Woche durch die Schulen in der Region Coburg getourt und hat 14 Lesungen abgehalten. Das soll im Mai mit Frank Reifenberg wiederholt werden (s. auch Infokasten 6 am Ende des Artikels).

Anregungen und Handreichungen empfehlen sich auch, weil im buchhändlerischen Alltag einschließlich anderer Marketingaktivitäten online wie offline kaum mehr Platz für Leseförderung bleibt. Dies bereitet auch Margit Müller, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (AvJ), Sorgen. Leider fehle vielen Buchhändlern inzwischen die Zeit, innovative Leseförderung zu betreiben oder diese zu dokumentieren. Auch deshalb setzt der Kinderbuchhandlungspreis der AvJ in diesem Jahr aus. Beim Verband wird über Alternativen und neue Impulse nachgedacht.

 

Weiterhin Handlungsbedarf

Handlungsbedarf im Bereich buchhändlerischer Leseförderung besteht weiterhin, auch um Schwächen der familiären Lesesozialisation auszugleichen. Studien zeigen, dass in 80% der Familien Väter nicht vorlesen, was als eine Erklärung gilt, dass Jungen später und weniger lesen als Mädchen. Die Vorlesestudie der Stiftung Lesen 2014 hatte zudem gezeigt, dass in einem Drittel aller Familien gar nicht oder zu wenig vorgelesen wird. Eine Antwort ist der bundesweite Vorlesetag, der dieses Jahr wieder am 20. November stattfindet.

Zu der Lesevermittlung kommt die buchhändlerische Kernkompetenz der persönlichen Kaufberatung. Viele Eltern fühlen sich in der Flut der Neuerscheinungen verloren und benötigen kompetente Hilfe bei der richtigen Auswahl der Kinderliteratur. Leseabos, Geburtstagskisten, die die Kinder selbst mit ihren Lieblingsbüchern zusammenstellen, oder der „KiLiFü“-Katalog mit 250 Kinderbuchtipps, der von Schmitz Junior in Essen herausgegeben wird, können Entscheidungsunfreudige unterstützen, das richtige Buch zu entdecken.

Letztlich sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt und die Möglichkeiten, „Geschichten in Köpfe tropfen zu lassen“, wie Irmgard Clausen es ausdrückt, unerschöpflich. „Um ein Buch lebendig zu machen, bedarf es nicht viel Geld.“

Hanna Schönberg  schoenberg@buchreport.de

1  Leseclub

Viele Kinder wollen Bücher selbst entdecken oder von Gleichaltrigen beraten werden. In einem Leseclub ist dies möglich und dieser ist schnell ins Leben gerufen:

  • Tag, Uhrzeit und betreuende Person festlegen
  • Altersgruppe bestimmen und passende Bücher zusammenstellen
  • Werbung durch Erzieher, Lehrer, Eltern, Aushang oder Flyer

[spacer height=“20px“]Dass ein Leseclub auch weitere Kreise ziehen kann, beweist der Junior Club der Buchhandlung Schmitz Junior in Essen, der vor 15 Jahren gegründet wurde. Inzwischen haben sich über 11 000 Mitglieder aus aller Welt dem Club angeschlossen. Neben einem Ausweis bekommen die Mitglieder fünfmal im Jahr Post per Mail und einen Gutschein zum Geburtstag sowie Einladungen zu Veranstaltungen und Gewinnspielen zugeschickt. Web: url.buchreport.de/schmitzclub

2  Lesetüte

Die Lesetüte ist ein Projekt der AG Leseförderung des Börsenvereins, bei dem Erstklässlern zur Einschulung eine Schultüte gefüllt mit einem Buch, einem Flyer der Buchhandlung und evtl. einer Veranstaltungseinladung überreicht wird.

  • Die Tüte gibt es im Klassensatz von 25 Stück für 1 Euro pro Stück beim Börsenverein
  • Die Verlage Arena und Oetinger stellen die Erstlesebücher
  • Die Tüte kann online beim Börsenverein bestellt werden; Informationen: url.buchreport.de/lesetüte

[spacer height=“20px“]Die Buchhandlung Eulenspiegel in Hochheim am Main war 2009 eine der Ersten, die die Lesetüte eingeführt hat. Im vergangenen Schuljahr hat der Börsenverein 90 000 Tüten herausgegeben.

3  Büchernacht

Foto: Buchhandlung Pelzner

Einmal in einer Buchhandlung oder in der Schule übernachten und die ganze Nacht mit Freunden durchlesen, das ist ein besonderes Erlebnis, das viele Kinder cool finden. Auch Lehrer und Erzieher freuen sich oft über eine solche Idee.

  • Genutzt werden kann das eigene Ladenlokal
  • Die Kinder können Schlafsäcke und Isomatten mitbringen
  • Es sollte eine Einverständniserklärung der Eltern vorliegen
  • Beworben werden kann die Aktion im Leseclub oder per Aushang

[spacer height=“20px“]Die Buchhandlung Pelzner in Nürnberg veranstaltet regelmäßig Übernachtungspartys (Foto) anlässlich des Welttag des Buches.

4  Führung durch die Buchhandlung

Wie kommen eigentlich die Bücher ins Regal? Wie ist eine Buchhandlung organisiert? Für Kinder und Jugendliche ist es besonders spannend, den Ort kennenzulernen, wo die Bücher herkommen und hinter die Kulissen zu schauen.

  • Führungen bieten sich als Exkursion für Schulklassen an.
  • Für Sie ist es Alltag, für die Kinder eine neue Welt: Überlegen Sie sich vorher eine Route durch den Laden und wie Sie das Geschäft und die Abläufe erklären könnten
  • Als Anlass kann der Welttag des Buches genutzt werden, wenn ohnehin Schulkinder ihre Gutscheine der Aktion „Ich schenk dir eine Geschichte“ einlösen.

5  Lesefest

Die Buchhandlung Eulenspiegel (Hochheim) feiert alle drei Jahre ein einwöchiges großes Lesefest. Es wird Papier geschöpft, vorgelesen und ein Bücherflohmarkt eingerichtet. Es geht aber auch kleiner: Die Buchhandlung Riemann (Coburg) feierte 2014 das „Lieselottefest“ rund um die gleichnamige Buchreihe (Fischer Sauerländer), das an einem Nachmittag in der Buchhandlung durchgeführt wurde.

  • Anlass kann ein Jubiläum sein, der Welttag des Buches oder die Möglichkeit, einen Autor zu gewinnen.
  • Denken Sie sich ein Motto oder Thema aus, unter dem das Fest stehen soll.
  • Vorleserunden, Spiele, Bastelideen: Schon mit ein paar Ideen lässt sich ein Fest feiern, das positive Erlebnisse hinterlässt.

6  Lesungen

Ein altbewährtes Mittel des Buchhandels, aber für Kinder eine neue Erfahrung: Es ist ein Erlebnis, einen Autor „in echt“ kennenzulernen und sich ein Buch signieren zu lassen. Leseförderin Irmgard Clausen empfiehlt:

  • Lesungen können in Kooperation mit Schulen durchgeführt werden, auch um sich die Kosten (Autorenhonorar, Reisespesen) zu teilen.
  • Die Lehrer können die Kinder im Vorfeld auf das Thema einstimmen, damit die Lesung auch nachhaltig wirkt.
  • Richten Sie einen Büchertisch ein; Kinder sind stolz, ihr eigenes Buch nach Hause zu tragen.
  • Buchhändler können bei der Aktion „Lesekünstler“ vom Börsenverein auch Autoren vorschlagen, die besonders gut vorlesen und dabei Lesungen gewinnen. Informationen: url.buchreport.de/lesekunst

[spacer height=“20px“]Lesungen können zu einem bestimmten aktuellen Thema durchgeführt werden: BuchSegler aus Berlin beispielsweise nutzte die eigene Baustelle vor der Haustür kreativ und veranstaltete kurzum eine Lesungsreihe zum Thema Baustelle. Mit Warnweste und Helm konnten sich die Kinder die Baustelle gleich vor Ort ansehen.

7  Besondere Konzepte

Durch neue Ideen machen Sie auf sich aufmerksam und bleiben den Kunden im Kopf. Mit gutem Beispiel gehen voran:

  • Das „Wortschatz-Caching“ von Claudia Berghorn. Ihre Idee hat den Deutschen Lesepreis erhalten. Als Vorbild dient die beliebte Freizeitaktivität Geo-Caching, bei der mittels eines GPS-Geräts ein Schatz gefunden werden muss. Beim Wortschatz-Caching können sich neugierige Kinder und Jugendliche auf einen Literaturpfad durch die Stadt begeben, an dem sie interessante literarische Orte kennenlernen oder beispielsweise eine Geschichte zusammensuchen. Informationen: url.buchreport.de/wortschatzcaching
  • Im 2013 gegründeten Buchkindergarten in Leipzig können Kinder in einer Druck- und Schreibwerkstatt ihr eigenes Buch herstellen. Sie erzählen die Geschichten und helfen dem Buchbinder. Nicht zuletzt präsentieren sie ihr eigenes Buch anschließend auf der Buchmesse. Der Buchkindergarten hat außerdem eine Tauschbibliothek als Teil seiner Fassade eingebaut. Das sieht nicht nur gut aus, sondern ist auch ein Ort des Austausches.Informationen: url.buchreport.de/buchkindergarten
  • Die Nürnberger „Asylothek“: In ehrenamtlicher Arbeit hat Günter Reichert mit anderen Bürgern eine Bibliothek mit gespendeten Büchern im Flüchtlingsheim gegründet. Seine Idee wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Deutschen Lesepreis. Informationen: url.buchreport.de/asylothek

8  Lesekoffer

Seit zehn Jahren gibt es inzwischen die Aktion „Lesekoffer“.

  • Ein Koffer mit 60 Büchern reist vier Wochen durch Schulklassen.
  • Schüler können sich jeweils Bücher aus dem Koffer ausleihen und bekommen zudem ein persönliches Lesetagebuch.
  • Lehrern werden didaktische Angebote gestellt.

[spacer height=“20px“]Die Kinderbuchverlage Oetinger und Ravensburger beteiligen sich an der Aktion und geben die Koffer an Buchhändler aus. Informationen:

url.buchreport.de/oetinger

url.buchreport.de/ravensburger

9  Leseförderungspreise

Buchhandlungen können sich u.a. für folgende Leseförderungspreise bewerben:

Agentur für Lesevergnügen
Eupenstraße 38, 96450 Coburg
Tel. 09561|2313594
buero@agenturlesevergnuegen.com