Praxisbeitrag

Literarische Pfade finden und so Kunden binden

Wo hat der Autor geschrieben? Wo lief der Protagonist entlang? Unter dem Stichwort »Literatourismus« verfolgen Leser literarische Spuren. Wie Buchhändler zu Reiseleitern werden, zeigen Peter Kape und Annette Hagen.

Reisegruppe der Buchhandlung am Markt (Goch) erkundete Jena (Foto: Buchhandlung am Markt)

Nordseeluft schnuppern in Theodor Storms Geburtsort Husum, die Deutsche Wende aus Sicht von Uwe Tellkamp in Dresden nachvollziehen oder im tiefsten Allgäu Kommissar Kluftingers Spuren verfolgen – Reisen macht Literatur erfahrbar. Auf literarische Spurensuche begeben sich immer mehr Leser – und auch Buchhändler. Der „Literatourismus“ macht nicht nur Spaß, sondern dient auch der Kundenbindung an die Buchhandlung, wie Peter Kape und Annette Hagen, zwei als Reiseführer aktive Buchhändler, beweisen.

Potenzielle Reiseziele gibt es viele. Für mindestens 40 deutsche Orte gibt es von Reiseveranstaltern ausgearbeitete Konzepte für literarische Pfade (s. Deutschlandkarte am Ende des Artikels). Schwerpunkte liegen

  • räumlich mit Goethe und Schiller in Weimar, Jena, Dresden und Leipzig, wo zudem Erich Kästner und Uwe Tellkamp verortet sind, sowie mit Hermann Hesse, Balzac und Co. in Baden-Württemberg,
  • zeitlich vor allem auf verstorbenen Literaten, deren Wirken an den Orten oft museal festgehalten wird,
  • inhaltlich auf der konkreten Spurensuche: Geburtshäuser, Wirkungsstätten und Museen erwecken die Dichter zum Leben.

 

Buchhändler auf Reise

2013 entscheidet sich Buchhändler Peter Kape aus Velbert, gemeinsam mit seinen Kunden Leipzig zu erkunden. Die Planung für die Literaturreise nimmt er selbstständig in die Hand:

  • Über den Verkehrsverein der Stadt und seine aus Leipzig stammende Auszubildende informiert sich der Buchhändler über die Möglichkeiten.
  • Er nimmt Kontakt zu Stadtführern und Museen auf, um Touren zu organisieren.
  • Das vielfältige Programm: Neben der Deutschen Nationalbibliothek, dem Völkerschlachtdenkmal und dem Schillerhaus begibt sich die Gruppe auf einen Literaturrundgang durch Leipzig.
  • Die Kostenkalkulation ergibt, dass mindestens 25 Leute an der Reise teilnehmen müssen, damit die Kosten gedeckt sind. 30 Teilnehmer fahren mit.
  • Die Hotelbuchung übernimmt die Buchhandlung Kape und bringt die Teilnehmer im Lindner Hotel in Leipzig unter.

Finanziellen Gewinn hat Kape mit der Reise nicht gemacht. Spaß und Kundenbindung stehen für ihn im Vordergrund.

Weil die individuelle Planung allerdings recht aufwendig ist, unternimmt Peter Kape in diesem Jahr eine Reise mit dem auf literarische Reisen spezialisierten Reiseveranstalter SET-Reisen. Im September geht es für ihn und seine Kunden quer durch Baden-Württemberg. Für selbst geplante Trips wie für die Zusammenarbeit mit Veranstaltern gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte in den Praxiskästen unten.

 

Unterstützung vom Reiseveranstalter

Auch Annette Hagen, Inhaberin der Buchhandlung Am Markt in Goch am Niederrhein, verreist seit vier Jahren mit SET-Reisen. Sie hat mit ihren Kunden bereits Weimar, Husum und Baden-Württemberg erkundet. Dieses Jahr geht es auf eine dreitägige Rundreise durchs benachbarte Belgien. Ihr Vorgehen:

  • Die Auswahl des Reiseziels und der einzelnen Programmpunkte erfolgt in enger Absprache mit dem Anbieter, wobei individuelle Wünsche immer miteinbezogen werden, wie Annette Hagen anmerkt.
  • Der Reiseveranstalter stellt auf die Buchhandlung zugeschnittenes Werbematerial – Plakate und Flyer mit Anmeldebogen –, die Hagen unter ihren Kunden verteilt.
  • Die Anmeldung erfolgt direkt in der Buchhandlung.
  • Abwicklung und Zahlungsmodalitäten übernimmt der Reiseveranstalter.
  • Die Buchhändlerin reist kostenfrei mit und ist dafür während der Reise kompetente Ansprechpartnerin für alle Fälle.

Mittlerweile hat Annette Hagen eine Reihe praktischer Tipps im Gepäck (s. Kasten unten).

 

Straffes Programm

Bereits auf der Hinfahrt macht die Reisegruppe aus Goch eine Stadtführung durch Antwerpen und besichtigt anschließend in Lier das Felix-Timmermans-Museum. Danach geht es zum Hauptquartier in Brüssel, wo am nächsten Tag die Stadt besichtigt wird. Es folgen Brügge und Gent, wobei ein Schwerpunkt auf dem Autor Georges Rodenbach liegt, der mit „Das tote Brügge“ ein düsteres Werk über die Stadt verfasst hat.

Annette Hagen freut sich auch auf ein kulinarisches Highlight: „Weil wir abends immer alle noch gern etwas gemeinsam unternehmen, habe ich in diesem Jahr ein traditionelles belgisches, rustikales Restaurant fest eingeplant, in dem wir belgische Pommes Frites essen werden.“ Am nächsten Tag geht es in die Kulturhauptstadt 2015 Mons, wo das Van-Gogh-Haus auf dem Plan steht. Auf dem Rückweg wird ein Stopp in Liège (Lüttich) eingelegt und die Stadt „Auf den Spuren von Georges Simenon“ erkundet.

 

Familiäre Kundenbindung

Die Anstrengung lohnt: „Es hat sich im Laufe der Jahre zu manchen Mitreisenden ein sehr persönliches Verhältnis entwickelt. Es ist ein Stück weit natürlich Kundenbindung, klar. Man bietet damit wirklich etwas anderes an. Aber es ist mittlerweile auch schon fast so etwas wie eine kleine Familie geworden“, schwärmt die Buchhändlerin. Die positive Wirkung hält auch nach der Reise langfristig an: „Viele sagen: Das ist toll, das werden wir vertiefen und nochmal hinfahren. So soll?s sein, das volle Programm soll auch Lust auf mehr machen.“ Und das spricht sich rum: „Es ist nicht unbedingt so, dass dadurch der Buchumsatz in die Höhe schnellt, aber die Leute, die bisher dabeigewesen sind, waren alle immer begeistert und das überträgt sich durch Mundpropaganda. Die Leute erzählen dann: Ich war weg und es war so toll. Und dann kommen wieder andere herein und sagen: Ich hab gehört, die Frau Soundso hat die Reise mitgemacht und das muss so toll gewesen sein.“

Inzwischen reisen auch Kunden aus der benachbarten Kreisstadt und aus der Eifel mit. Ein ganz besonderer Gast kam sogar von der anderen Rheinseite, aus Emmerich: „Das war dann mein Betriebsprüfer. Der hatte bei einer Betriebsprüfung von der Reise Wind bekommen und hat sich dann auch angemeldet.“

Auf eine alljährliche Frage stellt sich Annette Hagen bereits jetzt ein, auch wenn sie darauf noch keine Antwort hat: „Sobald ich den Bus verlasse, fragen schon die ersten: Wissen Sie schon, wo es im nächsten Jahr hingeht?“

Hanna Schönberg  schoenberg@buchreport.de

Grafik: buchreport

 

Literaturreiseagenturen

Zur Planung einer Literaturreise bietet sich die Unterstützung eines Reiseveranstalters an. Folgende Agenturen haben sich auf Literaturreisen spezialisiert (s. auch Karte):

  • Literarisch Reisen: Der Schwerpunkt liegt auf dem Osten Deutschlands. Infos: www.literarisch-reisen.de
  • Institut für Bildung und Kulturreisen: Der Anbieter hat zehn Länder im Programm. Infos: www.ibk-reisen.de
  • Hamburger Literaturreisen: Die Veranstalter bieten kürzere literarische Spaziergänge innerhalb Deutschlands an. Infos: www.hamburgerliteraturreisen.de

Vorreiter auf dem Feld ist der Reiseveranstalter SET-Reisen, der sich auf die Planung von Literaturreisen mit Buchhändlern konzentriert. Pedro Paredes Cuadrado, Leiter Marketing und Presse bei SET-Reisen, nennt Details des Angebots:

  • Expertise: In vier Jahren wurden über 200 individuelle SET-„LiteraTouren“ durchgeführt.
  • Beliebtheit: Topseller ist die Reise „Auf den Spuren von Goethe und Schiller“ in Weimar und Umgebung, aber auch diverse Krimireisen.
  • Kooperation: Bei erstmaliger Durchführung erstattet der Börsenverein Buchhändlern im Vorteilsprogramm „Seitenreich“ 175 Euro.
  • Aktualität: Je nach Interessenslage werden neue Reisen wie „Auf den Spuren von Henning Mankell“ in Schweden oder literarische Reisen auf dem Jakobsweg nach Hape Kerkeling kreiert.
  • Alleinstellungsmerkmal: Die Auswahl der Reise sollte zur Kundschaft der Buchhandlung passen, um das Portfolio zu erweitern.

Weitere Informationen: www.setreisen.de

Weitere Programmvorschläge, Links zu Infos und Hintergründe zur Literaturgeschichte bieten die Seiten:

www.literaturreisen.com und url.buchreport.de/literaturkreis

Literarische Reiseführer

Folgende Reiseführer können bei der Planung helfen:

  • Einen Überblick zum „Literarischen Deutschland“ geben Fred Oberhauser und Axel Kahrs mit ihrem „Literarischen Führer Deutschland“, der im Insel Verlag erscheint.
  • Der Verlag Jena 1800 hat sich auf literarische Spaziergänge spezialisiert und bietet literarische Informationen zu zehn europäischen Städten an.
  • Bei Mandelbaum erscheinen Reisebegleiter zum „jüdischen Europa“.
  • Der Picus Verlag bietet schriftliche „Lesereisen“ an, u.a. zum südlichen Afrika, Rom und Georgien.

Literaturhotels

Manche Unterkünfte haben sich speziell auf Literaturreisende eingestellt:

  • Literaturhotel Franzosenhohl in Iserlohn: Eine Bibliothek stellt den Gästen 2000 Bücher zur Verfügung. Darüber hinaus veranstaltet das Hotel „Buchpartys“, bei denen Neuerscheinungen vorgestellt werden. Infos: www.literaturhotel-franzosenhohl.de
  • Gutshotel Groß Breesen in Mecklenburg-Vorpommern: 300 000 Bücher haben ihren Platz im Gutshotel Groß Breesen. Geboten wird zudem literarisches Radeln und Vollmondlesung. Infos: www.buecherhotel.de
  • Ferien im Denkmal Quedlinburg: Das Hotel organisiert literarische Führungen durch die Stadt und Lesungen. Infos: www.ferienimdenkmal.de
  • Unter dem Label „Bibliotels“ firmieren gleich eine ganze Vielzahl von Literaturhotels. Hier können die Unterkünfte gesichtet werden: www.bibliotels.com

Praxistipps von Annette Hagen

Die buchhändlerische Reiseführerin Annette Hagen hat ihre Erfah­rungen in Tipps gebündelt:

  • Reiseplanung

Nach der Reise ist vor der Reise: Die Planung für die nächste Reise beginne ich ein Jahr im Voraus.

  • Reiseziel

Ein literarischer Hintergrund ist Voraussetzung. Bei allem Fernweh sollte das Reiseziel noch in absehbarer Distanz liegen. Das heißt: Nicht mehr als sechs Busstunden Entfernung sind angebracht.

  • Reisepreis

Die Reise sollte nicht mehr als 300 Euro kosten, damit sie für alle Kunden erschwinglich bleibt.

  • Reisevorbereitung

Vor der Reise sollte man sich mithilfe von Informationsmaterial auf die Stationen vorbereiten, um bei Fragen fachkundige Hilfe anbieten zu können.

  • Reisestart

Zur Einstimmung auf die Reise bekommt jeder Teilnehmer gleich im Bus eine „Künstlertasche“, die ich vor drei Jahren mit einem hiesigen Künstler entworfen habe. In dieser sind Informationen zum Reiseziel und -ablauf. Mitunter findet auch ein Reclam-Heftchen einer der besuchten Autoren Platz in der Tüte.

  • Reiseführer

Es ist empfehlenswert, unterschiedliche Stadtführer zu buchen. Jeder ist auf seine Art speziell, hat seine Gewichtung, seine Art und seinen Schwerpunkt und das ist immer reizvoll, weil verschiede Geschmäcker angesprochen werden.

  • Reiseteilnehmer

Für alle Teilnehmer sollte immer etwas Zeit zum eigenen Entdecken der Stadt eingeplant werden. Zeitabsprachen sollten in jedem Fall getroffen werden. Da das Publikum meist älter ist, kann es schon passieren, dass nicht jeder fußläufig mithalten kann. Eine Kaffeepause kann da bereits helfen und man trifft sich anschließend wieder.

  • Reisefotos

Ich sammle im Anschluss an die Reise von den Mitreisenden geschossene Fotos und ziehe sie für jeden Teilnehmer auf einen USB-Stick, der dann in der Buchhandlung abgeholt werden kann.

  • Reisekontakte

Die Teilnehmer bekommen im Anschluss an die Reise weiterhin Mails z.B. Einladungen zum Jubiläum der Buchhandlung. Das schafft Verbundenheit und Anbindung an die Buchhandlung.