Praxisbeitrag

So betreiben Detmolder Händler nachhaltige Quartierpflege

Vielerorts ringen Einzelhändler um die Attraktivität ihrer Standorte. Um die Kunden in den Innenstädten zu halten, werden Allianzen geschmiedet. Bei der ISG Krumme Straße in Detmold mischt auch ein Buchhändler kräftig mit.

Im Jahr 2005 ist die Krumme Straße von den Lauflagen der Detmolder Innenstadt abgeschnitten: Die Komplettsanierung der 300 Meter langen Geschäftsstraße bringt Sperrungen, Baulärm und den ansässigen Einzelhändlern empfindliche Umsatzeinbußen, die manch einen um seine Existenz fürchten lassen.

Gerade die Ladeninhaber waren es aber, die auf der Sanierung beharrt und bei Anwohnern und Stadt für die Pläne geworben hatten. Treibende Kraft war Buchhändler Albert Lange, der zusammen mit seiner Ehefrau Elke in der Hausnummer 8 die Buchhandlung Kafka & Co. betreibt. Die Straße mit ihren schmalen Bürgersteigen und dem vielfach geflickten Straßenbelag habe „oll und schäbig“ gewirkt, erzählt Lange. Höchste Zeit also, dass Anwohner und Geschäftsleute das „Stiefkind der Innenstadt“ wieder zu einem attraktiven Handelsstandort machten.

Aus der gemeinsamen Straßensanierungsinitiative entstand 2006 die Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) Krumme Straße. Der Zusammenschluss von aktuell etwa 40 Einzelhändlern und Hauseigentümern der „Krummen“ sowie der angrenzenden Straße Unter der Wehme ist keine Werbegemeinschaft, sondern ein gemeinnütziger Verein. Seine Mitglieder haben sich der nachhaltigen Quartierpflege verschrieben, um die Attraktivität des Standorts und damit auch die eigene Existenz langfristig zu sichern.

ISG Krumme Straße

  • Gründung: 2006
  • Rechtsform: e.V.
  • Aufgabe: Quartierpflege, Stärkung als Einzelhandelsstandort
  • Mitglieder: Einzelhändler und Hauseigentümer des Quartiers Krumme Straße/Unter der Wehme sowie „Freunde der Krummen Straße“
  • Mitgliederzahl: ca. 40, darunter sind 23 Einzelhändler
  • Organisation: 1 Halbtagskraft, Vorstandssitzungen einmal im Monat
  • Regelmäßige Veranstaltungen: Krumme Kulturnacht, Tischlein deck dich, Kino im Hinterhof
  • Internet: www.krummestrasse.de
Innenstädte drohen zu veröden

Vielerorts schwindet die Anziehungskraft der Innenstädte:

  • Der stark wachsende Online-Handel bedroht die lokale Einzelhandelslandschaft.
  • Es kommen immer weniger Kunden in die Innenstädte.
  • Das Institut für Handelsforschung (IfH) prognostiziert, dass bis 2020 bis zu 45.000 Geschäften das Aus droht, wenn der Marktanteil des Online-Handels wie angenommen auf 25% steigt.
  • Besonders hart sollen ländliche Regionen in östlichen Bundesländern betroffen sein: Der stationäre Handel werde hier bis zu 27% seines Umsatzes einbüßen, so die Prognose des IfH.

Der Einzelhandelsverband HDE und der Deutsche Städte- und Gemeindebund haben deshalb die „Allianz der Innenstädte“ ins Leben gerufen. Bei der Veranstaltungsreihe sollen vor Ort Kommunen, Händler und Immobilieneigentümer an einen Tisch kommen, um gemeinsam Lösungen für ihre Städte zu finden.

Auch viele Buchhändler treibt die Zukunftsfähigkeit ihres Ladenstandorts um. Eine buchreport-Umfrage Ende April ergab, dass sie den Fokus auf einen vielfältigeren Branchenmix mit breiterem Angebot legen würden. Auch sehen sie Handlungsbedarf bei der Innenstadtgestaltung, damit sich die Kunden dort gern aufhalten. Eine knappe Mehrheit (55%) der 440 Befragten denkt, dass sich die Verödung stoppen lässt, auch wenn dies schwierig ist.

Die Krise zwingt zur Veränderung

In Detmold hat sich infolge der Straßen­sanierung einiges geändert: „Die Krise, in der wir versucht haben, am Leben zu bleiben, während vorn der Bagger tobte, war der Motor für Veränderung“, sagt Lange. Die Geschäftsleute der „Krummen Wehme“ hätten gelernt, dass sie von ihrem Selbstverständnis als Einzel-Händler weg müssen. Heute verstehen sie ihr Quartier als „Kaufhaus ohne Dach“ und vermarkten es entsprechend.

Das ist das Standortprofil:

  • Krumme Straße und Unter der Wehme sind in 1B-Lagen und grenzen direkt an die Fußgängerzone mit ihren Hauptstraßen Lange Straße, Bruchstraße und Schülerstraße (s. Karte). Dort sitzen Textilketten wie H&M und andere Markenhändler (s. auch Kasten „Handelsstandort Detmold“ am Ende des Artikels).
  • Trotz direkter Anbindung zur Fußgängerzone sind weder Krumme Straße noch Unter der Wehme typische Lauflagen.
  • Im Gebiet der ISG Krumme Straße findet sich der klassische Mischbesatz mit inhabergeführten Geschäften, Handwerksbetrieben und Wohnraum. Hinzu kommt der Sitz der Volkshochschule.
  • Die Gegend ist Teil des mittelalterlichen Stadtkerns. Die gut erhaltenen historischen Gebäude mit Fachwerkfassaden sowie die engen Seitenstraßen prägen das Stadtbild und schaffen ein pittoreskes Flair.
  • Die Geschäfte sprechen überwiegend das gleiche Klientel an: Der typische Kunde ist gut gebildet, kaufkräftig und kommt gezielt zum Einkauf in die Krumme Straße. Auch junges, alternatives Publikum gehört für einige zum Kundenstamm.

Die Geschäftsinhaber sind meist zwischen 40 und 50, mit Wurzeln in der kreativen oder alternativen Szene und im traditionellen Handwerk. Sie setzen vielfach auf Individualität und kommunizieren das auch selbstbewusst nach außen.

 

Lokales Konzept statt vorgefertigte Pläne

„Wir sind keine windschnittigen Händler, sondern eigenwillige Charakterköpfe“, sagt Lange. Das ISG-Konzept ist auf dieses Profil zugeschnitten und umfasst regelmäßige Veranstaltungen und Aktionen:

  • „Kino im Hinterhof“ zeigt unter freiem Himmel und mit dem Charme des Improvisierten Filme für 80 Zuschauer.
  • Bei „Tischlein deck dich“ speisen im Sommer bis zu 500 Menschen gemeinsam an einer langen Tafel in der Straße Unter der Wehme. Jeder Gast steuert etwas zum Festmahl bei.
  • Die „Krumme Kulturnacht“ findet jedes Jahr im Herbst statt und steht immer unter einem anderen Motto. Jeder Laden setzt das Thema (2016 wird es voraussichtlich Heimat sein) auf seine Weise mit Veranstaltungen um.
  • Beim Weihnachtsmarkt zeigen die ISG-Händler mit einer Bude Präsenz.
  • Zudem werden in der Weihnachtszeit in den Feuergassen zwischen den Häusern Scherenschnitte mit Märchenmotiven aufgehängt und beleuchtet.
  • Mit finanzieller Unterstützung eines Hausbesitzers wurde ein Buch über das Viertel veröffentlicht.
  • Als Werbemittel stehen Postkarten, Flyer und Ähnliches zur Verfügung – hochwertig und professionell umgesetzt.
Genügend Arbeit für eine Halbtagskraft
Früher hat Quartiermanagerin Kati Schwind Technoparties in Berlin organisiert, jetzt ist sie stundenweise bei der ISG Krumme Straße angestellt und hält bei Veranstaltungen die Organisationsfäden in der Hand. Zudem arbeitet sie bei dem ISG-Mitglied Handarbeiten Müller (Foto: buchreport/LS).

Die ISG Krumme Straße verfügt über feste Organisationsstrukturen:

  • Als eingetragener Verein ist sie der Gemeinnützigkeit verpflichtet.
  • Nicole Genge-Schmidt bekleidet das Amt der Vereinsvorsitzenden.
  • Eine Ideengruppe entwickelt neue Formate und Aktionen.
  • Der Mitgliedsbeitrag der Händler orientiert sich jeweils an Verkaufsfläche, Umsatz und Umsatzspanne. Das Ehepaar Lange zahlt beispielsweise monatlich 100 Euro.

Bei der Gründung erhielt die ISG zusätzliche Fördergelder des Landes Nordrhein-Westfalen, das solche eigenverantwortlichen Initiativen unterstützt (mehr zur rechtlichen Lage im Kasten unten). Außerdem wurde die Gründungsphase von einem professionellen Berater begleitet. Er sei mit einem Tageshonorar von ca. 1500 Euro zwar teuer gewesen, habe aber dem ein oder anderen geholfen, Mut für das Projekt zu fassen, meint Lange.

Die ISG bedeutet einen nicht zu unterschätzenden Mehraufwand, den die Mitglieder nicht nebenbei stemmen können. Deshalb beschäftigt die ISG eine Quartiermanagerin. Kati Schwind kümmert sich stundenweise (vom Umfang her etwas weniger als eine Halbtagsstelle) um sämtliche Organisationsfragen. Bei den „ungeliebten Finanztätigkeiten“ hilft eine Steuerberaterin, die mit dem Quartier sympathisiert, honorarfrei aus.

Rechtliche Grundlagen

Eine Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) bringt Gewerbetreibende und Immobilieneigentümer in einem klar abgegrenzten Gebiet zusammen. Ziel des privaten Engagements ist es, das Quartier zu gestalten und attraktiver zu machen. Städtische Aufgaben werden dabei nicht übernommen. Die Idee dazu stammt aus Nordamerika und ist auch als Business Improvement District (BID) bekannt.

Für die Schaffung einer ISG ist eine landesgesetzliche Grundlage nötig. Nordrhein-Westfalen hat dazu im Jahr 2008 das Gesetz über Immobilien- und Standortgemeinschaften (ISGG) erlassen. Auch andere Bundesländer haben ähnliche gesetzliche Grundlagen geschaffen. Weitere Informationen:

  • Die IHK steht vor Ort als Ansprechpartner zur Verfügung und informiert über die jeweiligen Rahmenbedingungen und Anforderungen.
  • Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag gewährt in den „BID-News“ Einblick in Projekte und Aktivitäten
Freud und Leid der Vereinsarbeit

Alle weiteren Aufgaben, insbesondere im Vorfeld von Veranstaltungen, werden auf Zuruf unter den Mitgliedern aufgeteilt. Hier zeigen sich allerdings auch die Tücken der Vereinsarbeit:

  • Die Bereitschaft zum aktiven Engagement variiert. Zeitweise sei es frustrierend gewesen, Freiwillige zu finden, sagt Lange. Den Großteil der Aktiven stellen die Geschäftsinhaber.
  • Einige Händler sind wieder ausgetreten, weil die Ausrichtung der ISG nicht ihren Vorstellungen entsprach oder sie sich bei Entscheidungen übergangen fühlten.

Andererseits hat sich die Lage mittlerweile durch engagierte Neuzugänge entspannt. Zudem schätzt Lange es, dass man sich gegenseitig aushilft. Die wichtigsten Vor- und Nachteile von Einzelhandelsallianzen sind kompakt in Kästen aufgeführt:

Lokale Einzelhandelsallianz: Pro

  • Die Sichtbarkeit und die Attraktivität des gesamten Standorts wird gesteigert.
  • Zusammen lässt sich ein Profil aufbauen, mit dem man sich gegenüber größeren Händlern und anderen Handelsstandorten durchsetzen kann.
  • Ein attraktives Handelsumfeld wirkt sich positiv auf das eigene Geschäft aus, weil die Kunden gern vor Ort sind.
  • Die Zusammenarbeit stärkt das nachbarschaftliche Gefüge: Man hilft sich gegenseitig unkompliziert aus.
  • Gemeinsam hat man eine größere (finanzielle) Schlagkraft bei Aktionen und Veranstaltungen.
  • Eine Mitgliedschaft wirkt sich positiv auf das Image aus: Man präsentiert sich als engagierte Händler, die gemeinsam für die Stadt kämpfen, anstatt gegeneinander.

Lokale Einzelhandelsallianz: Kontra

  • Das Engagement bringt zeitlichen und finanziellen Mehraufwand, u.a. für Verwaltungsarbeit und Veranstaltungsorganisation.
  • Die Bereitschaft zum aktiven Engagement variiert. Es besteht die Gefahr, dass die Arbeit von wenigen erledigt wird.
  • Die Gründungsphase ist arbeitsintensiv, da es dauert, die nötigen Strukturen und Prozesse zu etablieren.
  • Mitglieder reagieren unzufrieden, wenn nicht jeder in alle Entscheidungsprozesse eingebunden wird.
  • Wenn Personen mit unterschiedlichen Vorstellungen aufeinandertreffen, birgt das generell Konfliktpotenzial.
  • Zudem können Konflikte mit anderen Einzelhandelsinitiativen und Entscheidern in der Stadt entstehen, wenn die Interessen kollidieren.
Viele Parteien treffen aufeinander

Nach außen setzt sich die ISG, neben den Kunden, mit diesen Gruppen auseinander:

  • Anwohner und Hauseigentümer: Einige Hauseigentümer im Viertel sind Mitglied in der ISG und kommen regelmäßig zu Treffen, andere befürworten die Initiative. Die Hausbesitzer sind immer zu Treffen eingeladen, damit sie sich informieren können. Weil sie letztlich als Vermieter entscheiden, welche Geschäfte in die Straße kommen, ist die ISG um den Dialog bemüht, etwa, wenn es darum geht, neue Mietverhältnisse abzuschließen.
  • Andere Händler: Jeder im Quartier kann Mitglied der ISG werden. „Allerdings werden wir nie alle überzeugen können“, sagt Lange. Etwa ein Drittel der ansässigen Händler ist derzeit im Verein aktiv.
  • Vertreter der Kommune: Das Verhältnis zur Stadt ist zwiegespalten, auch weil die ISG-Mitglieder nicht Teil der Werbegemeinschaft sind. Einerseits lobt das Rathaus die Arbeit der ISG auf Nachfrage als hervorragend, andererseits gab es in der Vergangenheit schon erbitterte Auseinandersetzungen, u.a. als vor einigen Jahren in der Detmolder Innenstadt eine Einkaufs-Mall gebaut werden sollte und die ISGler mit dem Arbeitskreis Lebendige Innenstadt dagegen protestierten. Das Mall-Projekt scheiterte letztlich.

Aktuell sieht die Lage in der Detmolder Innenstadt so aus: Es fließt weiterhin Geld ab in die beiden Oberzentren Paderborn und Bielefeld. Der Rückgang der Kundenfrequenz wurde aus Sicht von Lange aber gestoppt: „Der elegante Sinkflug hat vor drei Jahren geendet. Die Kundenzahl scheint sich auf dem niedrigeren Level stabilisiert zu haben.“

Lena Scherer  scherer@buchreport.de

Fotos: buchreport/LS

Handelsstandort Detmold

  • Lage: Region Ostwestfalen-Lippe mit den Oberzentren Bielefeld, Paderborn
  • Einwohnerzahl: 73.600
  • Infrastruktur: Kreisstadt des Kreises Lippe mit Anbindung an den regionalen Schienenverkehr sowie einem Regional- und Stadtbusnetz
  • Handel: rund 200 Geschäfte
  • Innenstadt: Die Altstadt bildet einen Kreis von rund 500 Metern Durchmesser, in dessen Mitte der Marktplatz liegt. Rund 400 historische Gebäude aus dem späten Mittelalter bis zur Gründerzeit prägen das Stadtbild. Innerhalb des Altstadtrings befindet sich auch die Fußgängerzone mit ihrem Hauptstraßen Lange Straße, Bruchstraße und Schülerstraße, die am Marktplatz aufeinandertreffen. 2014 wurde am Standort des früheren Hertie-Warenhauses an der Langen Straße ein neuer Geschäftskomplex eröffnet. Ankermieter sind u.a. die Textilketten TK Maxx und C&A sowie die Müller-Drogerie.
  • Leerstand im Einzelhandel: Im Geodatenportal der Stadt sind aktuell 9 Leerstände von Einzelhandelsflächen in der Innenstadt erfasst. Davon liegen 4 im Bereich der Fußgängerzone. Freie Immobilien werden hier nur gelistet, wenn der Eigentümer damit einverstanden ist. Die Zahlen bilden nicht zwangsläufig den tatsächlichen Leerstand ab.
  • Internet: www.detmold.de